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von Jan Brainweak, Februar 2007

© Fotos: Mani Wollner, MrsFlax



"Rosenwinkel" revisited...

Ich kehrte zurück. Schon im folgenden Jahr. In besserer Form sogar – im absoluten Finale hatte ich gute Siegchancen. Trotzdem konnte die zweite Auflage dem Vorjahreserlebnis in keinster Weise das Wasser reichen, obwohl sogar die Brünette wieder mit von der Partie war .



Aber der Reihe nach: Durch meine begeisterten Erzählungen animiert begab sich dieses Mal fast mein halbes Team an den Start. Ansonsten war die Beteiligung eher mau. Das Rennen war erst sehr kurzfristig organisiert worden, und die Buschtrommeln hatten wohl nicht mehr viele Leute rechtzeitig erreicht. Das Rahmenprogramm, das mir im Vorjahr besonders gut gefallen hatte, fiel gar gänzlich aus.



Insgesamt waren höchstens 30 Leute am Start, etwa die Hälfte davon ambitionierte Rennfahrer. Das Prozedere war wie gehabt: zehn Kilometer neutralisiertes Rollen zum Start. Danach gemäßigtes Tempo bis zur Bundesstraße, kurzes Beschleunigen – und die echten Rennfahrer waren unter sich.





Geschwindigkeitsrausch trotz mangelhafter Koordination



Von den Top Five des Vorjahres waren lediglich mein Chefmechaniker und ich erschienen, und da die zwölfköpfige Spitzengruppe fast zur Hälfte aus meinen Teamgefährten bestand unterblieben diesmal die mir auf den Magen schlagenden frühen Tempoverschärfungen und Ausreißversuche. Stattdessen entwickelte sich quasi ein Mannschaftszeitfahren auf hohem Temponiveau. Das rührte wohl daher, dass sich unser Team zwei Wochen vorher zum wiederholten Male an einem 50-Kilometer-Vierer (1) versucht und dort aufgrund mangelhafter Koordination nicht den eigenen Erwartungen gemäß abgeschnitten hatte. Am dort angepeilten 40er-Schnitt waren wir gescheitert. Wir hatten also etwas gutzumachen, und diesmal sollten wir die Marke knacken, so viel schon einmal vorweg.



Schon nach der Hälfte der Strecke waren wir fünf unter uns, keiner der anderen konnte unserem Tempo auf Dauer folgen. Und so bog ein gut harmonierendes Fünfer-Grüppchen auf die kleine Straße Richtung Ziel, das ein Jahr zuvor Schauplatz eines dramatischen Kampfes um den dritten Platz gewesen war. Diesmal war noch alles offen, es wurden nach wie vor schnelle, gleichmäßige Führungen gefahren, das Finale war noch nicht eröffnet. Auch der reifenkillende Bahnübergang wurde von allen schadlos überquert und es ging geschlossen auf die letzten vier Kilometer. Wer würde die erste Attacke wagen?



Ich hatte da so eine Ahnung und mich deshalb nicht ohne Grund am Hinterrad von "dem Tier" eingeordnet, einem Berserker vor dem Herrn. Er fuhr erst seine zweite Saison bei uns, war aber aufgrund seines Leistungsvermögens bereits von allen neidlos als neuer Teamkapitän akzeptiert. Und mein Näschen hatte mich nicht getrogen: Kaum war sein Vordermann aus der Führung gegangen trat "das Tier" in die Pedale, dass sich die Lagerwelle bog. Genau dies hatte ich erwartet und beschleunigte umgehend ebenfalls. Du wirst mich nicht los, mein Freund, und wenn ich dabei draufgehe! Nach einigen Momenten, in denen ich schwer auf der Hut vor neuerlichen Tempoverschärfungen oder Wellenlinien war, wagte ich einen Blich zurück: 20 Meter Vorsprung klafften bereits zu den anderen, wo sich Don Haraldo, unser früherer Kapitän, zähnefletschend und verzweifelt um den Anschluss bemühte. Wie weit war noch zu fahren? Zwei, allerhöchstens zweieinhalb Kilometer. "Los! Das packen wir!" ruft mir in dem Moment "das Tier" zu. Noch zweifle ich daran, gehe aber dennoch mit durch die Führung. Und tatsächlich: Auch als das Überraschungsmoment vorbei ist wird das Loch nicht kleiner. Im Gegenteil, unser Vorsprung vergrößert sich langsam aber stetig.





Betretenes Schweigen: Der Radsport in der "Sackgasse"



"Bingo!" jubiliere ich innerlich. Zumindest Platz 2 ist schon mal sicher. Höchste Zeit, ein paar Gedanken an die Sprintgestaltung zu verschwenden. Zwar ist mein Kompagnon physisch eindeutig stärker als ich, aber ganz ungewieft bin ich nicht im Kampf Mann gegen Mann. Hinzu kommt, dass der Kollege meistens doch recht verschwenderisch mit seinen Kräften umgeht, exemplarisch beim legendären "Erkner-Incident", worauf ich aber später noch detailliert einzugehen beabsichtige. Chancenlos auf den Sieg bin ich also keineswegs, aber gerade als ich meine taktischen Überlegungen abgeschlossen habe (wobei ich da eigentlich nicht viel zu überlegen hatte: einfach nur noch am Hinterrad bleiben und aus der letzten Kurve heraus vorbeiziehen), passiert es: Mein Vordermann ruft "Achtung!" und bringt sein Sportgerät mit quietschenden Bremsen zum Stillstand. Ich habe Mühe, eine Kollision zu vermeiden, und realisiere dann erst den Schlamassel. Wir waren geradeaus in eine Sackgasse gefahren, die anderen zogen hechelnd und mit roten Köpfen an uns vorbei, um den Sieg unter sich auszumachen.



"Das Tier" wendet blitzschnell sein Rad und keult hinterher. Er wird sogar noch Zweiter. Strahlender Triumphator ist Don Haraldo (2) mit seinem letzten großen Auftritt auf der Radsportbühne. Bei mir hingegen ist die Luft raus. Lustlos rolle ich als Fünftplatzierter über den verwaisten Zielstrich. Wir waren so schnell unterwegs gewesen, dass weder Kampfrichter noch Zuschauer bereits mit uns gerechnet hatten.



Trotz eindeutig besserer Leistung als ein Jahr zuvor ist mein Resultat schlechter. Und auch Stimmung und Laune sind nicht ganz optimal. Um ein Haar hätte ich mein Versprechen eingelöst, so aber bleibt mir nur übrig, es zu erneuern:

Ich werde wiederkommen und dieses Rennen gewinnen!!!



Zwölf Monate später...

Etwas unprofessionell und spannungstötend, es bereits vorwegzunehmen, aber der geneigte Leser, der meinen Ausführungen bis hierher gefolgt ist, wird es bereits ahnen: Es kam das Jahr, in dem ich meine Form weiter steigern konnte, ohne dass sich dies im Resultat bei meinem Lieblingsrennen niederschlagen sollte. Aufgrund gesundheitlicher Unpässlichkeiten konnte ich leider nicht entscheidend in den Endkampf eingreifen, und meine "Rosenwinkel"-Performance blieb eine Unvollendete. Aber der Reihe nach.





"Rosenwinkel" - klingt romantisch, isses aber nicht. Und mit Helmut schon gar nicht!



Unser Team war wieder mit fünf Mann per Regionalexpress unterwegs in die Prignitz. Meine Laune war von vornherein nicht die beste. Ich litt an einer heftigen Erkältung und konnte nur unter Drogeneinfluss an den Start (der eine oder andere Leser wird sich vielleicht erinnern). Die Laune besserte sich auch nicht, als wir im Zug auf Helmut trafen, den ich vom Uni-Radsport her kannte, und der mir mit seinem Geschwätz meistens wahnsinnig auf die Nerven ging. Wenige Tage vorher hatte mich während einer anderen Bahnfahrt mit Rad ein nettes , attraktives Girl angequatscht und mit mir über Fahrradmitnahme bei der Bahn, Radfahren im Regen und Fahrradwerkstätten geplaudert. Wir stellten dann fest, dass wir einen gemeinsamen Bekannten hatten – eben diesen Helmut, und der war zu allem Überfluss auch noch ihr Freund. "Womit hat eine Nervensäge wie er so ein Klasse-Girl verdient?" ging es mir durch den Kopf, und meine ganze schlechte Laune sollte sich auf ihn entladen.



Das Starterfeld war wieder größer, als im Jahr zuvor, und auch der überlegene Sieger von vor zwei Jahren war am Start präsent. Unser Kapitän, "das Tier", hatte als Losung ausgegeben, dass dieses Mal für mich gefahren werden sollte, nachdem ich am Vorsonntag so überzeugend beim Schwarzwald-Ultra aufgetrumpft hatte. Ich nahm die Ehre allerdings nicht an. Erkältungsgeschwächt fühlte ich mich der Verantwortung nicht gewachsen.



Das Rennen nahm den üblichen Verlauf – Tempoverschärfung auf der Bundesstraße, und die Cracks waren wieder unter sich. Dann wurde ähnlich wie zwei Jahre zuvor weiter attackiert und gerast, als wäre das Ziel schon hinter der nächsten Kurve. Ich kämpfte zwar, geriet aber nicht ernsthaft in Schwierigkeiten. Helmut an meinem Hinterrad sah da schon schlechter aus, und da wir Kantenwind von links hatten, reifte in mir ein fieser Plan: Ich fuhr so weit wie möglich am rechten Fahrbahnrand, sodass er praktisch kaum noch Windschatten fand. Schließlich ließ ich sogar ein kleines Loch zu meinem Vordermann, das ich mit einem kurzen Antritt wieder zusprintete. Ich blickte mich um, und Helmut war weg: Mission accomplished!





Kein Helmut in Sicht



Der Rest ist schnell erzählt: Eine siebenköpfige Spitzengruppe blieb bis zum Finale zusammen, auch dem Überflieger von vor zwei Jahren gelang es nicht, sich vorzeitig abzusetzen und ich war trotz Erkältung erstaunlicherweise auch noch dabei. Im Finale lancierte dann "das Tier" eine seiner gefürchteten Tempoverschärfungen – um mir "den Spurt anzuziehen", wie er später erzählte. Das einzige Opfer der Aktion war allerdings: Ich! Ich ließ abreißen, und von meinem drogenumnebelten Hirn kam keinerlei Aufforderung zum Gegenhalten mehr. Als Siebter rollte ich gemächlich ins Ziel, nachdem der Potsdamer bewiesen hatte, dass er nicht nur ein gnadenloser Tempobolzer war, sondern ihm die anderen auch im kurzen Sprint nicht das Wasser reichen konnten.



Fazit der "Rosenwinkel-Trilogie": dreimal teilgenommen, Form jedesmal besser, Platzierung jedesmal schlechter. Dabei ließ ich es dann auch bewenden. Zumal die Veranstaltung inzwischen meines Wissens gänzlich eingeschlafen ist.



Kleiner Nachtrag noch: Später, viel später, kam auch Helmut ins Ziel. Er war sichtlich angefressen von meiner Aktion und würdigte mich keines Blickes. Ich musste aber schwer in mich hineingrinsen. War es mein fieser Charakter, der da zum Vorschein gekommen war? Ich streite alles ab und plädiere auf Unzurechnungsfähigkeit wegen exzessiven Drogenkonsums.



Anmerkungen:

(1) Das Vierer-Mannschaftszeitfahren war im Jahr zuvor der erste offizielle Auftritt unseres Teams bei einem Wettkampf gewesen. Die Urmitglieder hatten sich während einer Radreise in der Schweiz zusammengefunden, wo sie auf fast allen Etappen tête de la course gespielt hatten. Eine Etappe führte vom San-Bernardino-Pass hinunter ins Tessin nach Biasca. Wir vier hatten etwas herumgetrödelt, und die anderen hatten die Abfahrt bereits ohne uns in Angriff genommen. Wir nahmen die Verfolgung auf, und erwiesen uns nicht nur beim Klettern als die Stärksten der ganzen Gruppe. Im unteren, schon weitgehend flachen Teil der Abfahrt, rauschten wir im D-Zug-Tempo an den anderen vorbei. Lediglich einem der Reiseleiter gelang das Andocken an unser Grüppchen, und unsere Performance beeindruckte ihn so sehr, dass er uns den Tipp mit dem 50-Kilometer-Zeitfahren gab. Dort starteten wir dann auch zwei Monate später – wobei unsere Leistung als "ausbaufähig" und meine persönliche als "miserabel" zu bezeichnen war. Falls ich den Selbstekel überwinden kann, werde ich darauf möglicherweise noch ausführlicher eingehen.



(2) Mit Don Haraldo hatte ich auch einige nette Erlebnisse, das witzigste davon bei der ersten Austragung der HEW-Cyclassics 1996. Auch davon ("Der alte Seemann kann nachts nicht schlafen") werde ich noch berichten, falls mir die Redakteurin nicht vorher wegen mangelnder Quote den Saft abdreht.


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