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von Jan Brainweak, März 2007

© Fotos: Mani Wollner, MrsFlax



Free Falling - No. 1

Eine organisierte achttägige Radreise in die Schweizer Alpen hatte ich als Initialzündung zur Gründung unseres Radler-Teams bereits erwähnt. Während dieser Reise trugen sich allerdings noch weitere lustige (und zum Teil erschreckende) Begebenheiten zu, die ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten will. Eine zentrale Rolle spielt dabei Jim aus Lübeck.



Jim war so eine Art Dario Pieri der Hobbyfahrer. Angeblich hatte er früher 108 Kilo gewogen. Davon waren vielleicht noch 80 übrig geblieben, nachdem er mit dem Radtraining angefangen hatte. Im übrigen war er ein Sprücheklopfer der etwas derberen Art. Manchmal riefen seine Bemerkungen am Abendmahl-Tisch nur betretenes Schweigen hervor, manchmal war es hingegen sehr lustig.





Rückwärtsessen im Anstieg - keine gute Idee!



Sehr lustig war auch, was er sich auf der Königsetappe "Rund um den Dammastock" geleistet hat: Die Etappe führte von Andermatt über die Pässe Susten, Grimsel und Furka zurück nach Andermatt – eine Herausforderung der besonderen Art (mit 3600 Höhenmetern auf nur 125 km Strecke), die wir aber alle gut bewältigten. In Gletsch, am Fuße des Rhonegletschers legten wir ein wohlverdientes Päuschen ein. Während sich alle übrigen Mitfahrer mit Kaffee und Kuchen begnügten, hatte Jim tierischen Kohldampf (ob das Pieri auch immer so ging?) und orderte eine grosse Portion Spaghetti, was seine Brieftasche in dem etwas teuren Auslugslokal (mit Blick auf den Gletscher) in der ohnehin nicht gerade billigen Schweiz um einen ordentlichen Franken-Betrag erleichterte.



Nachdem wir wieder unsere Räder bestiegen hatten, begann sofort der Aufstieg zum 2431 Meter hohen Furkapass. Wir waren noch nicht lange wieder unterwegs, da war ein lautes, würgendes Geräusch zu vernehmen – und die teuren Spaghetti waren weitgehend unverdaut auf der Straße gelandet. Dumm gelaufen!



Aber zurück zu mir. Wie kam ich denn jetzt bloss auf Jim?

 

Ach ja – am nächsten Tag stand eine fast ebenso schwere Etappe über den Furka (diesmal von der anderen Seite), den Nufenen und den Gotthard (wieder zurück nach Andermatt) auf dem Programm. Nach gemütlichem Päuschen in Airolo ergab es sich, dass ich den Aufstieg auf der alten St.-Gotthard-Passtraße im Duett mit Jim unternahm. Locker miteinander plaudernd erfuhr ich, wie sehr er Bergfahrten liebt, und wie sehr er den Wind, der bei ihm an der Küste immer bläst, hasst. Da sich diese Liebe jedoch nicht unbedingt in seiner Leistung niederschlug, ließ ich ihn alsbald, meinen eigenen Rhythmus fahrend, in den Kehren der Tremola zurück.





Pflaster... Fiese Sache...



Die Besonderheit dieses Anstiegs ist zum einen, dass der Straßenbelag nicht aus Asphalt, sondern aus Kleinpflaster besteht. Bergauf ist das kein Problem, bergab sollte man lieber die neue Strasse wählen. (Deren Existenz, und die der Autobahn, sorgen auch dafür, dass die Tremola praktisch vollkommen autofrei ist.) Zum anderen sind die meisten Kehren ausgesprochen kurz – meiner Erinnerung nach kaum länger als 50 Meter, aber da mag mir das Gedächtnis auch einen Streich spielen. Jedenfalls kurvte ich schon nach kurzer Zeit zwei oder drei "Etagen" über Jim, als plötzlich ein markerschütterndes Brüllen und Fluchen aus seiner Kehle zu mir nach oben drang. Was war geschehen? Hatte er Stress mit dem Autofahrer bekommen, der mich kurz vorher talwärts fahrend passiert hatte? Womöglich gar ein Crash? Sollte ich warten oder gar umkehren?



Da ich ihn aber permanent vor sich hinschimpfen hörte, und irgendwann die Worte "So eine Scheiße!" und "Ich hasse Berge!" an mein Ohr drangen, schien wohl nichts besonderes vorgefallen zu sein. Er hatte anscheinend nur seine Ansichten über das Bergfahren in kürzester Zeit um 180° gewendet.



Oben angekommen gesellte ich mich zu unseren Gefährten, und während ich mich kleidungstechnisch auf die Abfahrt vorbereitete, kam auch Jim, immer noch vor sich hinfluchend, angeradelt. Alles Rufen und Winken unsererseits nützte nichts: Entweder ignorierte er uns vorsätzlich, oder er hat uns vor lauter Wut tatsächlich nicht bemerkt. Jedenfalls machte er sich ohne anzuhalten auf den Weg bergab – und steuerte dabei zielstrebig den gepflasterten Streckenabschnitt an. 'Viel Vergnügen, Jim!' wünschte ich ihm in Gedanken.





Nicht immer ist der schnellste Weg auch der sicherste...



Wir anderen nahmen die asphaltierte Strasse unter die Räder – und es wurde die bis dato berauschendste und schnellste Abfahrt meines Lebens. Reger Autoverkehr zwang zwar zur Konzentration, und zahlreiche, zumeist holländische Wohnmobile und -wagen verhinderten eine perfekte Sause auf der Ideallinie. Dennoch standen am Ende immerhin 89.3 km/h als Maximalwert auf dem Tacho. Der höchste Wert seit Beginn meiner Aufzeichnungen.



Jim bruttelte beim Abendessen immer noch: "Was für ein dämliches ewiges Bergfahren! Und was für eine Drecksabfahrt noch dazu!" Unsere schwärmerischen Erzählungen von der geilen Abfahrt konnten seinen Zorn irgendwie auch nicht abmildern.



Free Falling - No. 2

Der Maximalspeed vom Gotthard sollte lange Jahre mein persönlicher Rekord bleiben. Irgendwann habe ich ihn unabsichtlich und unerwartet gebrochen: Vom Kaiserstuhl führte eine lange gerade Strasse hinunter Richtung Freiburg, und ich merkte schon, dass wir ziemlich schnell unterwegs waren. Beim Überfahren eines etwas hochstehenden Gullydeckels fürchtete ich, dass es mich gleich zerreisst. Dennoch waren die 93.6 km/h auf dem Display eine Überraschung – so schnell hatte es sich dann auch wieder nicht angefühlt.



Vor nicht allzu langer Zeit nun fasste ich den Plan, diese persönliche Bestmarke noch einmal anzugehen. Bevor ich endgültig zu alt bin und die Reflexe in dem Maße nachlassen, wie die Furcht steigt, wollte ich noch einmal austesten, was geht.



Es war der letzte Tag eines Urlaubes im Schwarzwald. Ich hatte Quartier im Kinzigtal bezogen, von wo ich per Rad ohnehin nach Freiburg fahren musste, um mein dort deponiertes Auto abzuholen.



Ich hatte mir extra eine Roadmap zusammengestellt: die schönste Strecke zum Kaiserstuhl, dann die dortige RTF-Strecke abfahren und schließlich über die Speedstrecke nach Bötzingen Richtung Breisgaumetropole.





Technische Probleme? Kein Grund, alles gleich hinzuwerfen!



Frohgemut bestieg ich nach dem Frühstück mein Rennrad und kurbelte locker die Kinzig entlang. Beim ersten steileren Hügelchen nach Fischerbach schaltete ich hoch – und auf ein krachendes Geräusch im Getriebe folgte ein Tritt ins Leere. Beim Blick nach unten sah ich meine Kette auf der Strasse liegen.



Ich verfluchte meinen vietnamesischen Mechaniker. "Brauchmaa kein teures Spezialwerkzeug. Ich machediesooo," war sein Kommentar zur Montage der damals noch relativ neu eingeführten Campagnolo 10fach gewesen. Das Resultat hielt ich nun in den Händen.



Zwar gelang es mir, die Kette wieder so zusammenzustecken, dass ich zumindest immer eine halbe Pedalumdrehung machen konnte, bevor ich wieder rückwärts treten musste (die "Schnittstelle" war etwas zu breit, um noch durch den Schaltungskäfig zu passen), so dass mir wenigstens ein vier Kilometer langer Fußmarsch auf Look-Platten erspart blieb. Allerdings hatten beide Fahrradhändler in dem kleinen Städtchen keinen Ersatz auf Lager. Und das scheinbar unabdingbare Spezialwerkzeug schon gleich gar nicht. ("Zehnfach-Kettä? So ebbes gibt’s doch gar net.")



Glück im Unglück, dass mich ein befreundeter Taxifahrer samt meinem zweirädrigen Begleiter nach Freiburg mitnehmen konnte. Dort waren Kauf und Montage einer Zehnfach-Kette kein Problem, aber radtechnisch war der Tag gelaufen. Es sollte wohl nicht sein. Eine höhere Macht (der Vernunft?) hatte meinen Rekordversuch schon im Ansatz kläglich scheitern lassen. Und höhere Mächte sollte man nicht herausfordern, oder?


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