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von Jan Brainweak, April 2007

© Fotos: Mani Wollner, MrsFlax



My own private Oslo '93

Erinnert sich noch irgend jemand an die Radweltmeisterschaften 1993 in Oslo? Vermutlich nicht, da die Zeitrechnung der meisten deutschen Radsportfans erst mit dem Jahre 1997 beginnt. Oder vielleicht doch, weil der Stifter dieser neuen Religion damals das erste Mal internationales Aufsehen erregte, indem er den Einer-Straßen-Titel der Amateure in jenem Jahr und an jenem Ort gewann?



Egal, ich rede hier auch nicht von den Amateuren, sondern der Profi-Weltmeisterschaft am darauffolgenden Tage.



Ein desaströses Rennen für meinen alten Helden Gianni Bugno, den Titelträger der beiden vergangenen Jahre, der aufgab. Ein finsterer Tag für den Radsport allgemein, da ein unbekannter junger Amerikaner gewann, der in späteren Jahren noch viel Schlechtes ins internationale Profigeschehen bringen sollte. (das ahnte ich damals freilich noch nicht. Es ging mir als Radsport-Traditionalist lediglich gegen den Strich, dass jemand aus einem Land mit ganz anderen sportlichen Vorlieben in unseren schönen eurozentristischen Radsport eingebrochen war. Sollen die doch dort ihren "Weltmeister" im Baseball küren, oder in jener Sportart, die sie unerklärlicherweise "Fussball" nennen, obwohl der "Ball" zumeist im Arm spazieren getragen oder geworfen wird.)





Weltmeister wird nicht immer automatisch der Netteste im Feld...



Kein guter Tag eigentlich für fast alle Rennfahrer, die damals dort am Start waren. Im Gegensatz zum Amateurrennen, bei dem ideale Witterungsbedingungen vorherrschten, ging das Profirennen bei heftigem Regen über die Bühne. Möglicherweise wurde vom Regen das Fett geschlachteter Wale auf die Strassen der norwegischen Hauptstadt gespült (“Norwegian Sea-Food” war einer der grossen Sponsoren), jedenfalls gab es dutzende von Stürzen auf glitschigem Untergrund. Und irgendwie trage ich eine Mitschuld daran. Und das kam so:



Am besagtem Sonntag schwang ich mich – beflügelt durch die Übertragung des Rennes am Vortage, bei der sich Klaus Angermann wieder einmal so anhörte, als käme gleich nicht das Peleton, sondern der Kommentator selbst, auf mein Bianchi. (Übrigens ein sehr schicker, aber überaus nervöser Renner. Das Geradeausfahren war nicht gerade seine Stärke, dafür kam ich damit ungefähr doppelt so flink um die Kurven, wie mit dem gediegenen Nachfolger, den ich mir als wertkonservativer Typ später zulegte – aber das nur am Rande.) Bevor ich mich nachmittags ausführlich meinem Sofa und der TV-Berichterstattung widmen wollte, musste ich mich unbedingt noch selbst ein wenig auspowern.



Nachdem ich schon etwa eine Dreiviertelstunde unterwegs war, brach plötzlich - wie das im Sommer halt manchmal geschieht - sozusagen aus heiterem Himmel ein heftiger Gewitterregen los. Und genau so schnell war er auch schon wieder vorüber. Er hinterließ allerdings deutliche Spuren in Form zahlreicher Pfützen und nasser Straßen.



Ich hasse eigentlich nichts mehr, als im Regen Rad zu fahren. Der Grip in den Kurven lässt dann doch zu wünschen übrig, ein Griff an die Bremsen zeigt meistens erstaunlich wenig Wirkung (außer, dass die Bremsbeläge dahinschmelzen), es gerät Sand ins Getriebe und ausserdem sudelt man sich selbst und das Rad total ein. Bei sich selbst ist es mit der anschließenden warmen Dusche dann relativ schnell wieder in Ordnung gebracht, aber so ein hübscher italienischer Flitzer mit wunderschönen italienischen Komponenten verlangt doch etwas mehr Pflege – und Wischen und Polieren sind nicht gerade meine Leidenschaft. Aber nun war es bereits zu spät. Mein Schätzchen und ich hatten bereits eine dunkle Tönung angenommen, und ich dachte mir: "Was soll’s! Muss ohnehin gründlich putzen hinterher, kann ich auch ruhig weiterfahren und mein Trainingsprogramm durchziehen." Und so geschah es.





... und manchmal ist der Radsport auch ein "schmutziges Geschäft".



Erst nach drei Stunden trat ich den Heimweg an. Der Übergang von der schwarzen Radhose zu den Beinen war inzwischen kaum noch auszumachen, so viele Schmutzpartikel hatten sich auf meinen muskulösen und rasierten Waden und Oberschenkeln festgesetzt. Der weiße Neger Wumbaba wäre vor Neid gleich noch viel blasser geworden.



Da ich mitten im Stadtzentrum wohnte, brauchte ich für den Weg nach Hause immer mindestens eine halbe Stunde durch den Stadtverkehr. Und das, obwohl ich damals noch ein junger Heißsporn war, und meine Devise lautete: Jeder Trainingstag ohne 30er-Schnitt ist ein verlorener Tag! Und da ich zur Uni, zur Arbeit und zum Training im wesentlichen immer die selbe Strecke zurücklegen musste, kannte ich sämtliche Ampelschaltungen in- und auswendig. Ich wusste also genau, wo ich richtig reintreten musste und wo ich ein wenig entspannter fahren konnte. An der heikelsten Stelle musste ich über drei Ampeln hinweg einen Schnitt von etwa 38 km/h halten, um Grüne Welle zu haben. An der letzten davon musste ich dann links abbiegen.



Ich war gut drauf und lag voll im Plan. Mit reichlich Speed kam ich an der dritten Ampel an und wollte mich schon in die Kurve legen, da sah ich ein Auto mit überhöhter Geschwindigkeit entgegenkommen. Schon in leichter Schräglage zog ich an den Bremsgriffen – ganz böser Anfängerfehler! Erst überholte mich mein eigenes Hinterrad, dann rutschte mir das gesamte Sportgerät aus den Pedalhaken und schlitterte davon. In der Horizontalen nahm ich die Verfolgung auf.



Nach erster Inaugenscheinnahme waren bis auf ein paar Schrammen am Pedal keine weiteren Schäden an meinem Schätzchen auszumachen. Die schmierseifenartige Fahrbahnoberfläche hatte wohl schlimmeres verhindert. Erleichtert und nur ein klein wenig erschrocken legte ich den Rest des Weges zurück.



Zuhause waren auch nach Beseitigung der Schmutzkruste keine schlimmen Folgen am fahrbaren Untersatz zu entdecken. Dafür aber an mir. Seltsamerweise hatte die Lycra-Hose die Rutschpartie über den Asphalt unbeschadet überstanden, obwohl der darunter verborgene Oberschenkel ziemlich lädiert war – ein echtes Rätsel der Physik. Schlimmer waren allerdings die blutigen Wunden an den freiliegenden Stellen der Beine und Knie. Schwarzer Dreck war bereits eingedrungen und es sah überhaupt nicht gut oder appetitlich aus.





Reinigungsalkohol zur Säuberung von Tonköpfen? Da gibt's doch bestimmt was von 'Ratiopharm'...



Mit dem 100% wasserfreien Reinigungsalkohol, der mir normalerweise zur Säuberung der Tonköpfe am Tapedeck diente, versuchte ich, die Wunden einigermaßen sauber zu kriegen. Mit mäßigem Erfolg, muss ich gestehen. Aber die Zeit drängte auch, da ich mich endlich den letzten Runden des Profi-WM-Rennens widmen wollte.



Das Resultat und das Sturzfestival im Regen habe ich bereits vorweggenommen. Mein eigener Sturz kam mir wie ein böses Omen vor, irgendwie fühlte ich mich schuldig. Trotzdem, es half nichts, meine eigenen Verletzungen riefen nach Pflege. Schreckenswörter wie "Wundstarrkrampf" gingen mir durch den Kopf, und als mich ein Blick in den Impfpass darüber aufgeklärte, dass der Tetanus-Schutz bereits vor Jahrzehnten abgelaufen war, beschloss ich, mir ärztlichen Rat einzuholen. Da Sonntag war, musste ich beim Krankenhaus um die Ecke anrufen. "Pfleger Dirk" meldete sich und befahl nach kurzer Berichterstattung: "Sofort vorbeikommen!"



Ich gebe selbst zu, dass die folgenden Schilderungen ein wenig konstruiert und unglaubwürdig klingen. Aber ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: Genau so hat es sich zugetragen, und kein bißchen anders!



In der Notaufnahme angekommen war es plötzlich gar nicht mehr so eilig und dringend, wie Pfleger Dirk mir eingebläut hatte. Dutzende mehr oder weniger bizarrer Fälle kamen vor mir an die Reihe. Endlich war ich dann dran, wurde in einen der Behandlungsräume gebeten, wo sich nach weiterer Wartezeit zwei attraktive junge Frauen um mich bemühten. Sie trugen grüne Arztkittel und um ihren Hals hingen Stethoskope, es waren also vermutlich junge Assistenzärztinnen. Eine war brünett, die andere schwarzhaarig. Meine bevorzugten Farben, und beide sahen, wie bereits erwähnt, teuflisch gut aus.



Das Anamnesegespräch mit ihnen war leider viel zu kurz, die Sachlage allerdings auch ziemlich eindeutig. Ebenso eindeutig ihre anschließenden Handgriffe – beide zogen jeweils eine Spritze auf, ich wurde aufgefordert, mich über die Liege zu beugen und die Hosen runterzulassen. Ich tat wie mir befohlen, und die (hatte ich das schon erwähnt?) überaus attraktiven medizinischen Fachkräfte jagten mir synchron jeweils eine Spritze in die rechte und eine in die linke Arschbacke.



Ich muss dazu sagen, dass ich eine absolute Spritzenphobie habe – schon allein aus diesem Grund hätte ich niemals Radprofi werden können. Aber in diesem Moment habe ich die Situation richtiggehend genossen.


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