Cycling4fans HOME | LESERPOST | SITEMAP | KONTAKT | ÜBER C4F












 



von Jan Brainweak, Juni 2007

© Fotos: Mani Wollner, Jan Brainweak, MrsFlax



Der Höllenritt vom Montgenèvre

Große Dinge waren geplant im Jahre des Herrn 1982. Eine kleine Reise um die Welt. Na ja, fast. Eigentlich nur eine Radtour über Alpen und Pyrenäen bis nach Barcelona – und wieder retour. Zeit war genug vorhanden (Oh, du schöne Studentenzeit!). Geld zwar schon erheblich weniger, aber was soll's: Einen echten Naturburschen schrecken Übernachtungen unter freiem Himmel nicht, und für die Tage des Luxus und hemmungslosen Prassens gab es ja noch die Jugendherbergen (Preis pro Übernachtung in Deutschland damals DM 6,50 wenn ich mich nicht irre). Die Mitnahme eines Zeltes schied von vornherein aus. Es gab noch nicht die kompakten Leichtmodelle wie heute, und schließlich wollten en passant Galibier, Izoard und Tourmalet bezwungen werden.



Nach diversen Abenteuern, auf die ich aus Zeitmangel hier jetzt nicht näher eingehen will (nur in Stichpunkten: * in Biel in der Schweiz fing ich in einer Jugendherberge, deren Kojen – ich sage es nur ungern, aber es entspricht der Wahrheit – doch bedenklich an KZ-Lagerstätten erinnerten, nachts während eines Alptraumes an, meine Mithäftlinge - Quatsch! - meine Zimmergenossen zu verprügeln, * nach Grenoble ritten wir auf der Stadtautobahn ein, zu der die Nationalstraße plötzlich mutiert war (wir nahmen gleich die erste Ausfahrt), * in Le Chatelard wurde ich von der selbst noch sehr jugendlichen Jugendherbergsleiterin verführt, so dass mein Begleiter große Mühe hatte, mich zur Weiterreise zu überreden, * und schließlich spülte uns der Mistral oder welcher Wind auch immer das Rhônetal hinunter bis an die Cote d'Azur, was nicht der ursprünglichen Planung entsprochen hat.)





So oder so ähnlich sah der ursprüngliche Plan aus...



Da wir jedoch schon einmal da waren, stellten wir fest: "Hier ist es eigentlich auch ganz nett!", und wir beschlossen, erst einmal zu bleiben. Und es wurde sogar noch netter, als wir zwei Mädels kennenlernten, die mit ihren Eltern ein Ferienhaus gemietet hatten. "Die Pyrenäen bewegen sich seit Ewigkeiten nicht vom Fleck, die können auch noch ein paar Tage auf uns warten."



Aus den Tagen wurden letztlich insgesamt drei Wochen, die wir mit faul am Strand liegen, abends die Diskotheken unsicher machen, mit den Mädels Ausflüge unternehmen (die Ältere der beiden war schon im Besitz einer Fahrerlaubnis und konnte uns praktischerweise mit Papis Auto überall hinkutschieren), mit den Mädels noch andere Dinge unternehmen, sowie dem vergeblichen Versuch, das Windsurfen zu erlernen, verbrachten.



Irgendwann war der Familienurlaub dann vorbei, es nahte die Stunde des Abschieds. Da wir unserer Marschtabelle inzwischen gewaltig hinterherhinkten, mussten wir das weitere Programm etwas modifizieren. Der Abstecher in die Pyrenäen wurde komplett gestrichen, und stattdessen umgehend die Heimreise angetreten. Irgendwie hatten die drei müßiggängerischen Wochen unsere Unternehmungslust merklich gedämpft.





... und so ein Aussschnitt eines Original-Fotos des B-Plans



Während einer kurzen Fahrt mit dem Rad zum Strand war bei Bengt, meinem Begleiter, eine Bremse kaputtgegangen. Ich glaube, es war eine Feder gebrochen, aber an die Details kann ich mich nach all den Jahren nicht mehr genau erinnern. Jedenfalls schärfte ich ihm an unserem letzten Tag in Frejus ein, sich um Ersatzteile zu bemühen und die Reparatur in Angriff zu nehmen. Aufgrund der vorherrschenden Affenhitze hatten wir unseren Startzeitpunkt auf 18 Uhr abends gelegt und eine Nachtfahrt in die Berge geplant. Er hatte also noch den ganzen Tag Zeit, sich um sein Reisemobil zu kümmern, während ich einen letzten vergeblichen Versuch unternahm, auf einem Surfbrett das Gleichgewicht zu halten UND das Segel aus dem Wasser zu ziehen. Bengt begleitete mich bis in die Stadt und machte sich dort auf die Suche nach einem Fahrradladen.



Bei meiner Rückkehr in die Jugendherberge lungerte Bengt dort herum – seine Bremse war jedoch nach wie vor defekt. "Ich hab’s nicht hinbekommen", erklärte er entschuldigend. Später kam ich aber dahinter, dass er es sich den Tag über noch ein letztes mal mit der Jüngeren der Schwestern gemütlich gemacht hatte. Wie auch immer – unser Start wurde nicht mehr verschoben, und außerdem hatte er ja noch eine zweite Bremse am Rad.





Abschied vom "dolce vita"



Nach einer bewegenden Abschiedszeremonie machten wir uns auf den Weg Richtung Grand Canyon du Verdon. Es wurde eine abenteuerliche Fahrt über Draguignan durch ein militärisches Sperrgebiet hinauf nach La Palud, wo es eine Jugendherberge gab. In der Dunkelheit zuckten Blitze am Himmel und es war Kanonendonner zu hören. 'Hoffentlich werden wir nicht bombardiert oder von MG-Feuer erlegt!' waren meine Gedanken. Aber wir wurden lediglich zwischendurch von einer jugendlichen Rockerbande belästigt, ansonsten erreichten wir ungeschoren das Ziel in La Palud-sur-Verdon.



Es war immer noch mitten in der Nacht und dunkel, die einsam auf dem Berg gelegene Jugendherberge verriegelt und verrammelt. So viel Anstrengung auf einmal nicht mehr gewohnt, streckte ich mich etwas ermattet auf einer steinernen Tischtennisplatte nieder. "Penn jetzt bloß nicht ein!" mahnte mich Bengt. "Nein, nein. Ich muss mich nur ein wenig ausstrecken", waren meine letzten Worte, bevor mich die Müdigkeit übermannte.



Geweckt wurde ich vom Rattern der hochgezogenen Rolläden. Bewegen konnte ich mich allerdings kaum – ich war schockgefrostet und gelähmt von ein paar Stunden Schlaf in einer kalten Bergnacht. Zwar konnten wir den Herbergsleiter überreden, uns schon frühmorgens einchecken zu lassen, was normalerweise nicht üblich war, und ich freute mich auf eine heiße Dusche, die wieder etwas Leben in meinen beinahe abgestorbenen Körper bringen sollte. Als jedoch aus der Düse nur kaltes, um nicht zu sagen eiskaltes Wasser kam, ereilte mich einer der zwar sehr seltenen, dafür umso heftigeren Tobsuchtsanfälle. Unter unmenschlichem Brüllen und Fluchen riss ich den Duschknopf aus seiner Verankerung und pfefferte ihn durch die Gegend. Glücklicherweise blieb mein Vandalismus unbemerkt und –sanktioniert.





Bremsen - ein weitgehend überschätztes Zubehörteil?



Tagsüber döste ich etwas im Schlafsack in der Sonne liegend auf einer grünen Bergwiese. Warm wurde es mir jedoch nicht mehr. Erst am nächsten Morgen fühlte ich mich wieder einigermaßen in der Lage, mich pedaltretend fortzubewegen. Es wurde nur eine kurze Etappe über Barcelonnette und den Col d'Allos nach Savines-le-Lac.



Der folgende Tag sollte einen Abstecher nach Italien bringen. Über Col d'Izoard und Briançon steuerten wir den Col de Montgenèvre an. Und kurz hinter Briançon passierte es: Der Seilzug an der einzig noch verbliebenen Bremse meines Begleiters quittierte den Dienst.



Ob es die drei Wochen in der gleißenden Mittelmeersonne waren, die uns das Hirn ausgetrocknet hatten, oder welche Gründe es auch immer gegeben haben mag: Wir kehrten nicht um, um in der Stadt eine Werkstatt aufzusuchen, sondern nahmen schweigend und dämlich vor uns hinglotzend die ersten Kehren des Montgenèvre in Angriff – bergauf braucht man schließlich keine Bremse. Irgend etwas würde sich schon ergeben.





Kleine Impression von der Schönheit französischer Skiorte im Sommer...



Es ergab sich aber nichts. Auf dem Gipfel befand sich einer der typischen hässlichen französischen Retorten-Skiorte – mit zahlreichen Möglichkeiten, auch mitten im Hochsommer Skier zu kaufen oder zu mieten, jedoch natürlich vollkommen ohne Fahrrad- oder Eisenwarenladen. Nachdem wir ergebnislos das gesamte Kaff durchkämmt hatten, war guter Rat teuer. Was tun? Es fiel uns partout keine Lösung ein, und schließlich verlor mein Kompagnon die Nerven. Mit den Worten "Ich fahr da jetzt einfach runter!" schwang er sich auf sein Bike und rollte, kaum dass ich so schnell gucken konnte, davon. Ziemlich verdattert schwang ich mich ebenfalls in den Sattel und nahm die Verfolgung auf.



Es wurde ein echter Höllenritt. Wir waren jung. Wir waren dumm. Drei Wochen lange permanente Endorphinausschüttung hatte die chemischen Reaktionen in unseren Hirnen etwas aus dem Tritt gebracht. Es war unverantwortlich. Und einer von uns beiden wäre dabei beinahe draufgegangen.



Da ich noch funktionierende Bremsen besaß, war ich etwas langsamer, und hatte von hinten den besten Blick auf das chaotische Geschehen: Mein Begleiter hing schräg auf seinem Rad und hatte das linke Bein ausgestreckt, den Fuß als Ersatz-Bremse benutzend. Die Ersatzbremse verzögerte allerdings bei weitem nicht so perfekt wie das Original, weshalb er doch auf recht ordentliche Geschwindigkeit kam. Meist ging in den Kurven jedoch alles glatt, aber bei zwei oder drei Kehren war sein Speed so hoch, dass es ihn zu weit nach außen trug. In einer Rechtskurve musste er deshalb links an den entgegenkommenden Autos vorbeifahren, um eine Kollision zu vermeiden. Es war wirklich haarsträubend.





Wer bremst, lebt länger



Wie durch ein Wunder überstand er die gesamte Abfahrt ohne Crash. Zu guter letzt bretterte er noch am italienischen Grenzkontrollposten durch, der sich am Fuße der Abfahrt befand. Damals gab es tatsächlich noch Grenzen, und zwei der Kontrollettis stürzten sich gleich auf mich, als sie meiner ansichtig wurden. Der Zweite dieser kriminellen Grenzverletzer sollte ihnen nicht auch noch durch die Lappen gehen. Während sie mich noch in der Mangel hatten, kam Bengt irgendwann wieder angeschlichen und gab radebrechend den Zerknirschten. Mit Verweis auf seine komplett weggeschmirgelte Schuhsohle und die defekte Bremse versuchte er, sich für sein Verhalten zu entschuldigen.



Ich weiß nicht, ob die Grenzer überhaupt irgendetwas verstanden haben, jedenfalls müssen sie uns für vollkommen plemplem gehalten haben. Und Verrückte soll man nicht aufhalten. Ohne Konsequenzen ließen sie uns des Weges ziehen.



Im nächsten Ort war die Instandsetzung der Bremsen dann kein Problem – in Italien kennt man sich damit halt aus. Und so rollten wir flott und frohgemut Richtung Turin.



Eigentlich wollten wir vor Susa wieder links abbiegen und über Lanslebourg zurück nach Frankreich. Aber es rollte gerade so schön, und als die Abzweigung kam, taten wir beide so, als hätten wir sie nicht gesehen. Auf gleich wieder den nächsten Berg hochfahren hatten wir keinen Bock, und so erreichten wir Turin fast ohne einen einzigen Pedaltritt.



In der Metropole erlebten wir jedoch eine unangenehme Überraschung: Die dortige Jugendherberge wurde gerade vor unseren Augen von der Abrissbirne dem Erdboden gleichgemacht! Das muss ziemlich plötzlich und kurzfristig geschehen sein, denn am Zaun vor dem Grundstück hingen Hunderte von Zetteln von Leuten (Interrailern?), die sich dort verabredet hatten und nun ihren neuen Aufenthaltsort kund taten. Unsere Suche nach einem Ausweichquartier verlief ergebnislos, und da Übernachten unter freiem Himmel in einer Großstadt nicht so empfehlenswert ist, mussten wir notgedrungen wieder hinausfahren. In den Außenbezirken fanden wir einen Zeltplatz. Da aber dunkle Wolken aufgezogen waren, verbrachte ich den ganzen Abend damit, mich mit einem seltsamen weiß gekleideten Mann, der mit seinem selbstgebastelten Wohnmobil dort campierte, über völlig abstruse Dinge zu unterhalten, bis er endlich die erlösenden Worte sprach: "Wenn es zu regnen anfängt, könnt ihr zu mir reinkommen."





Gewitterstimmung nicht nur über dem Zelt



Auch am nächsten Morgen hatten wir unsere Form und unsere Lust auf Bergfahren nicht wiedergefunden. Wir kehrten nicht mehr nach Frankreich zurück, sondern steuerten über Bergamo, Bozen und Innsbruck wieder heimatliche Gefilde an. In Innsbruck sahen wir "Die Klapperschlange" im Kino und gerieten uns darüber schwer in die Haare (Ich fand ihn gut, Bengt total scheiße). Am Zirler Berg sahen wir jemanden sein Moped trotz eingekuppelten Motors und Drehen am Gasgriff berghoch schieben. Am Anstieg zum Kloster Ettal trat ich den Beweis an, dass man auch mit zehn Kilo Zusatzgepäck auf dem Rad extrem schnell einen Berg hochfahren kann, um einem drohenden Gewitterguss zu entgehen. Und in Oberammergau wunderten wir uns, dass im stockkonservativen Bayern ein Pärchen ein Zimmer für sich alleine bekam (normalerweise wurde immer streng nach Männlein und Weiblein getrennt) und lautstark seinem nächtlichen Hobby frönen durfte.



Aber die Stimmung zwischen Bengt und mir hatte sich irgendwie nicht wieder eingerenkt, und so trennten sich an einer einsamen Weggabelung im schwäbisch-fränkischen Wald unsere Wege. Seither haben wir uns nur noch dreimal gesehen, und mit dem Rennrad ist er seit jenem Sommer keinen einzigen Meter mehr gefahren. Und ich habe es bis heute nicht bis zu den Pyrenäen geschafft.


Gazzetta durchsuchen:

 
 
 
 
Cycling4Fans-Forum Cycling4Fans-Forum