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Radlerprosa



etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Radsportfan Manfred Poser - manipogo



Karlsruhe feierte Drais



„200 Jahre Drais“

Nach fünf Jahren Pause hatte ich wieder am Jahrestreffen des IVCA teilgenommen, zum fünften Mal. Bei diesem Jubiläumsanlass wollte und musste man dabei sein. Das dachten sich auch viele andere, so dass 430 Veteranenradler eingetroffen waren, doppelt so viele wie sonst. Ich kenne ja Protagonisten und Prozedere mittlerweile – und trotzdem und gerade deswegen war’s vergnüglich, turbulent, und man möchte fast sagen: Wir waren glücklich.

 

Es war ein besonderer Anlass bei Kaiserwetter und hervorragend organisiert.

 

Vier Tage muss man schon mit Programmpunkten füllen, damit die Leute beschäftigt sind.

 




Der Teilemarkt







Der erste Tag war mit der 100-Meilen-Fahrt ausgelastet, denn auch wer tüchtig fährt, braucht auf einem alten Rad dafür acht Stunden. Es ging auf ebenen, geraden Strecken durch den Wald, eine 20-Kilometer-Runde war acht Mal zu durchfahren. Am Freitag der obligate Teilemarkt und eine Tour ins Umland mit Besuch am Drais-Grab, am Samstag die Parade-Ausfahrt, an die sich die üblichen Rennen im Park in diversen Kategorien anschlossen. Sonntag Ausklang.

 

Das Schöne daran ist, dass alte Freunde sich treffen, die sich nur von diesen Begegnungen einmal im Jahr her kennen. Ich kann bestätigen, dass ungeheure Zuneigung bei Gesprächen frei wird; dass sich Menschen aus unterschiedlichen Ländern näherkommen (wenn sie sich irgendwie verständigen können). Das Fahrrad brachte sie zusammen und eint sie. Man bestaunt und bewundert die alten Räder, man tauscht sich über technische Details aus, man lernt: Du bist nicht alleine mit deiner Passion. Und die anderen sind kaum verändert, lachen und radeln immer noch.

 

 

 




Ankunft einiger Helden, die Laufräder



von Nancy nach Karlsruhe bewegt hatten





Keizo Kobayashi posiert auf einem Laufrad. Seit Januar 2011 steht auf cycling4fans sein
Bericht über seine Fahrt von Paris nach Avignon



Laufrad-Parade vor dem Schloss




Auf dem Blatt, das das Menü des Abends vorstellte, stand „200 Jahre Drais“. Da stutzt der Denker schon. Was soll das heißen? Es ist so hingeknallt, wie man heute alles so ungefähr äußert. Gemeint ist „200 Jahre Laufmaschine Drais“, genauer: Am 12. Juni 1817 bewegte Carl Drais seine Laufmaschine in Mannheim zum ersten Mal. War es das erste Fahrrad? Diskutierbar. Was wir unter Fahrrad verstehen (mit Pedalen, Kette, Luftreifen) existiert eigentlich erst seit 1888, seit dem Rover Safety von Kemp Starley mit den Reifen von Dunlop. Der Patentmotorwagen von Carl Benz hatte 1886 schon den Verbrennungsmotor, Lenkung und vier Räder. War bereit und veränderte sich nur in den Materialien und im Design.

 

Geboren ist Drais 1785, gestorben ist er 1851, also ist „200 Jahre Drais“ einfach Quatsch. Doch da sagen manche wieder: Was soll’s. Du weißt, wie es gemeint ist. Ja. Ich schon.

 




Radler am Grab von Drais



Fahrrad und Geschichte

Zu welchem Zweck beschäftigen wir uns mit der Fahrrad-Historie, überhaupt mit Geschichte? Ich denke, auch deshalb, um unsere Welt heute besser zu verstehen. Bei jedem Phänomen musst du dir die Geschichte anschauen, dann erst verstehst du es. In der Geschichte (Doppelsinn) steckt die Magie. Das Problem solcher Treffen ist, dass sie zu einer technikverspielten Lustbarkeit werden; Geschichte zum Anfassen, und du darfst auch mal ein altes Fahrrad bewegen.

 

So ist das in der Konsumgesellschaft. Ein Spektakel jagt das andere. In meinem 110-seitigen Versepos „Das Jahrhundertrennen“, das ich fast zur Gänze von 20. bis 31. Mai auf manipogo.de veröffentlicht habe, da stecken die Gedanken drin, die man bei Zusammenkünften vermisst. Ich bin ja immer nur der „innocent bystander“, der Zaungast (wenngleich auch ein Motor, eine Seele, ein Kommunikator). Doch vermisst habe ich in Karlsruhe eine geistige Führung: etwa jemanden, der vor der Drais-Stele eine Grundsatzrede gehalten hätte. Es wurde immer nur organisiert; es fehlten die zündenden, aufrührerischen Worte, die besagen: Wir sind die Guten, unsere Liebe zum Fahrrad ist mehr als ein Hobby. Würde Fahrradgeist die Welt durchtränken, sähe sie anders aus, denke ich.

 

Als ich so hinter dem Schloss stand, rollten Hunderte junge Leute auf ihren Rädern vorbei. Sie lagen neben ihren Rädern im Gras. Die Erotik radelnder Mädchen (die Georges Bataille schon unnachahmlich beschrieben hat)! In Universitätsstädten ist das Fahrrad die angesagte Bewegungsart. Aber setz dich vor einen Orient-Imbiss in der Nähe des Schlosses, und du kannst andere junge Männer, Nicht-Studenten, auf ihren PS-starken motorisierten Gefährten vorüberpreschen sehen; das sind die anderen, das ist die Gewalt, die Brutalität, der Machismo pur. So sieht leider die Welt außerhalb des Karlsruher Schlosses aus, die Welt jenseits der gemütlichen Veteranenradler.

Zum Fahrrad gehört auch eine Lebenseinstellung. Liebe zur Natur, zum Mitmenschen, Freude an der Bewegung, die auch langsam sein darf. Das Fahrrad fördert eine Bewusstheit, die vielen abgeht. Man muss es nun nicht zur Religion verklären, aber verstecken muss man sich auch nicht.

 

Krishnamurti hat das so gut gesagt. Reformen, meinte er, bringen nichts. Ändere das Bewusstsein, dann kommt alles andere von alleine. Der Radfahrer wirft seine Plastikflasche nicht auf die Wiese und zertritt auch nicht zum Spaß einen Käfer. Er (oder sie) hat Humor und den Überblick. Das Fahrrad erzieht den Menschen.

 





Der unverwüstlich humorvolle Jan Paulsen aus Norwegen



Der stets schwitzende Tscheche Ivan Krivanek, ein Unikum



Ein Faktotum, der Varradälti Gerd




Gemeinsam fahren



Pause beim Century: der Autor (links) mit zwei tschechischen Fahrern

Die gemeinsamen Ausfahrten waren immer schön. Die meisten sind gekleidet wie vor 100 Jahren, und man fährt so langsam, dass Zeit zum Plaudern bleibt. Eine menschliche Geschwindigkeit. Bei den Stopps legt man sein Fahrrad in die Wiese (die wenigsten verfügen über einen Ständer), und dann gibt es einen Imbiss, oder es bleibt Zeit, sich die Beine zu vertreten.

 

Das „Jahrhundertrennen“, das „Century“, ist eine liebgewordene und wichtige Tradition. Es startet gewöhnlich bei Sonnenaufgang (in Karlsruhe war man zivil: Um 7 Uhr ging es los), und ein Rundkurs von 20 Kilometer durch den Wald war acht Mal zu durchfahren, wenn man die 100 englischen Meilen absolvieren wollte. Da rollte ich eine Runde neben einem Pariser Radsportler her, der ein wollenes Trikot trug und mir Wertvolles über Jean Bobet verriet, den Bruder des bewunderten Louison Bobet. Man trifft sich bei dieser Rundfahrt immer wieder: wie im Leben. Man grüßt sich.

 





Hochrad-Siegerin Kamila Fialovna und das Fernsehen

Es heißt ja immer: Das ist kein Rennen. Nur eine Ausdauerprüfung. Denn bei den Treffen der IVCA werden auch echte Rennen gefahren, um die Weltmeisterschaft in verschiedenen Disziplinen. Königsdisziplin: das Hochradfahren. In der Jubiläumsausgabe traten 5 Hochradfahrer gegeneinander an, und bei den Frauen waren nur 2 gemeldet. Der Modus war kompliziert, und es herrschten Ehrgeiz und mehr als eine Prise Aggressivität. Dabei kommt es auch oft zu Unfällen, meistens im Ziel. Ein österreichischer Hochradfahrer stürzte schwer auf den Asphalt.

 

Diese Rennen widersprechen eigentlich dem Geist des gemütlichen Fahrrads. Warum nicht das „Century“ als Rennen werten und die „Finishers“ in den jeweiligen Kategorien als Weltmeister klassifizieren? Ein bayerischer Hochradfahrer hatte die 100 Meilen geschafft, aber versäumt, seinen Namen auf die Liste zu setzen. Also durfte er nicht mitmachen. Manchmal nimmt man das alles zu ernst. Es fehlt die Leichtigkeit. Wir sollten miteinander fahren, nicht gegeneinander.

 

Das Fernsehen kam natürlich zu den Rennen. Diese Leute, die wir großzügig zu alimentieren gezwungen sind, hatten keine Lust, einen Redakteur drei Tage die Veranstaltung begleiten zu lassen. Ein Feature wäre dem Anlass angemessen gewesen, und ein Beitrag über die überalterte Veteranen-Radler-Vereinigung hätte gut ins Programm des öffentlich-rechtlichen Rentner-Fernsehens gepasst.

 





Siegerehrung der drei Hochrad-Sieger



Start zu einem Dreirad-Rennen




Fahrrad und Auto

Nach den Tagen von Karlsruhe fand in Mannheim die Geschichtskonferenz der Veteranenradler statt. Da geht es meist um Detailaspekte, denn Wissenschaft wühlt sich in die Sache hinein … und verliert den Blick für das Ganze. Schauen wir einmal aufs Ganze! Carl Benz kam wie Carl Drais aus Karlsruhe, 1886 ist als das Geburtsjahr des Automobils wie auch des Fahrrads, wie wir es kennen, anzusehen. Da haben wir also zwei Fortbewegungsmodelle; zwei alternative Modelle.

 

Der Motor hat sich durchgesetzt. Er prägte unsere Welt. Durch ihn haben wir Wolkenkratzer und Düsenflugzeuge gebaut, todbringende Waffen und moderne Kommunikatonsinstrumente. Das allgemeine Tempo wurde so erhöht, dass die Gesundheit der Menschen darunter leidet. Alles treibt schnell irgendwohin, aber wohin, wird nicht definiert. Jeder rennt dem anderen nach.

Die andere Welt, die hypothetisch blieb, wäre die Welt ohne Motor, mit langsamen Entwicklungen, die die Menschen dazu gezwungen hätte, einander mehr Brüder und Schwestern zu sein. Wie einfach und schön kann sich doch das Leben darstellen, wenn du mit drei Norwegern und einem Belgier beim Bier sitzt und über belanglose Dinge plauderst.

 

Fahrräder lösen bei alten Menschen Erinnerungen aus. Mein erstes Rad! Das Rad im Krieg, unterwegs auf ihm durch die feindlichen Linien! Das Rad übersetzt meine Muskelkraft in Kilometer; ich bin Zentaur, nicht Cyborg; ich reite und werde nicht geritten. Wir spüren, wie die Technik von uns Besitz ergreift, und was immer an Großartigem durch die Technik uns versprochen wird: Kann es schöner sein als eine Radtour mit Freunden an einem sonnigen Tag im Mai? Was wollen wir eigentlich? Denkt jemand darüber nach, statt atemlos den neuesten Entwicklungen hinterherzuhecheln? Aber genug Gedanken. Eine kleine Ausfahrt auf dem Rad wird uns guttun. Lasst es ruhig angehen und geht den Maschinenmenschen möglichst aus dem Weg!

 




Wie in früheren Zeiten



Ein Priester: Don Camillo. Der Autor höchstselbst






Zwei hübsche tschechische Schwestern



 

© Text Manfred Poser, Bilder Manfred Poser und Michael Faiß (Tübingen), Juni 2017


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