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radsportfan, Juli 2006:

Ich habe für diese Facharbeit (Oberstufe) 14 Franzosen zu dem Thema interviewt. Natürlich ist diese Umfrage nicht repräsentativ, doch es scheint mir, als fügen die Antworten sich gut in das Allgemeinbild ein, das man aus anderen Quellen erhält.



Die Faszination der Tour de France auf die Franzosen

Wenn die Tour de France im Juli drei Wochen durch Frankreich führt, sieht man an der Strecke immer wieder ganze Familien – vom Großvater bis zum Enkel – die dort auf ihren Klappstühlen sitzen, gemütlich picknicken, sich mit den Nachbarn unterhalten und die Fahrer in den wenigen Sekunden in denen sie passieren anfeuern.

Andere Franzosen übernachten an einem der Anstiege in den Alpen oder Pyrenäen, grillen dort, feiern mit Fans aus der ganzen Welt und bejubeln am nächsten Tag fanatisch ihre Helden, die sich den Berg hinaufquälen.

Eine dritte Gruppe, die weder an der Strecke wohnt, noch die Zeit hat, dorthin zu fahren, verfolgt das Renngeschehen gespannt zu Hause vor dem Fernseher.

Es gibt viele Möglichkeiten die Tour de France zu erleben, doch eines haben alle Franzosen gemeinsam: Sie sind fasziniert von ihrer „Große Schleife“ und verfolgen Jahr für Jahr die Ereignisse. Aber warum?

 

2005 auf den Champs Elyssées © rexite.de


Alle Befragten meiner Umfrage antworten auf diese Frage, dass sie in erster Linie der Radsport interessiere. Das ist nicht verwunderlich, da ich den Fragebogen über französische Radsportforen im Internet verbreitet habe. Sie mögen vor allem die Spannung und die enorme Schwierigkeit des Rennens, die sich über drei Wochen hinziehen. Ein 19-jähriger Franzose beschreibt, was die Tour de France in dieser Hinsicht von anderen Sportveranstaltungen unterscheidet und warum sich so viele Menschen dafür begeistern: „Ich denke, dass es an den enormen Anstrengungen der Fahrer liegt. Es gibt in keinem anderen Sport etwas Vergleichbares. Die Leute fragen sich, wie so etwas möglich ist. Sie finden es verrückt und schauen zu.“ Man erlebt spannende Duelle zwischen den besten Fahrern der Welt und nur wer die Berge übersteht, im Zeitfahren vorne mit dabei ist und ein starkes Team hat, hat eine Chance auf den Gesamtsieg. Aber auch die Flachetappen, auf denen die Sprinter um den Tagessieg kämpfen, sind ein Spektakel, das Begeisterung auslöst.

Aber es werden auch andere Gründe genannt: Beispielsweise fasziniert auch die einzigartige Geschichte mit ihren Helden die Franzosen. Viele nennen auf die Frage nach den beeindruckensten Personen neben den Rekordsiegern Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault, Miguel Indurain und Lance Armstrong auch Fahrer wie den ersten Toursieger, Maurice Garin, den Gründer Géo Lefevre und berühmte Kletterer wie Fausto Coppi und Raimond Poulidor. Es fällt auf, dass auch die jungen Franzosen sehr gut informiert sind über diese Legenden, was darauf schließen lässt, dass sie tatsächlich eine große Anerkennung in der Bevölkerung genießen.

 



Die Tatsache, dass seit dem letzten Sieg von Bernard Hinault 1985 kein Franzose mehr das gelbe Trikot bis nach Paris tragen konnte, ändert nichts an der Begeisterung für das Rennen in seinem Heimatland. Man feuert alle an, die die Prüfung Tour de France auf sich nehmen, denn die sportliche Höchstleistung stellt die Nationalität in den Schatten.

 

Die Franzosen lieben außerdem die Tatsache, dass die Tour de France durch die facettenreiche und schöne Landschaft Frankreichs führt, auf die sie sehr stolz sind.

Des Weiteren begeistern die Emotionen, sowohl die der Fahrer bei Sieg oder Niederlage, als auch die der Zuschauer, die eine ganz besondere Atmosphäre an der Rennstrecke schaffen: Man unterhält sich untereinander, obwohl man sich nicht kennt oder noch nicht einmal aus demselben Land kommt. Keine andere Sportart ist so publikumsnah wie der Radsport und bietet mehreren Millionen Menschen die Möglichkeit live dabei zu sein.

 



Die Einstellung der Franzosen zur Tour de France

Die Tour de France ist bis heute immer gigantischer geworden und hat sich stark verändert. Gibt es auch eine Veränderung der Einstellung der Franzosen?



Grundsätzlich ist eine große Begeisterung für die große Schleife vorhanden, was sich darin äußert, dass alle Befragten die Tour de France sehr interessiert im Fernsehen, durch Zeitschriften und im Internet verfolgen.

Allerdings finden fast alle, dass das Rennen seitdem sie es verfolgen langweiliger geworden ist und viele verfolgen es nicht mehr so regelmäßig und begeistert wie noch vor wenigen Jahren. Ein Grund dafür ist die starke Dominanz des Amerikaners Lance Armstrong, der in den letzten sieben Jahren nicht zu schlagen war. Die Spannung des Rennens hat sehr darunter gelitten, dass er unangreifbar war und sich dieselben Szenarien siebenmal wiederholt haben. Ein 35-jähriger Franzose beschreibt, was das bei ihm bewirkt hat: „2005 habe ich zum ersten Mal seit 26 Jahren die Etappen in den Pyrenäen nicht verfolgt“. Das Jahr 2006, das erste Jahr nach Armstrongs Rücktritt, macht Hoffnung, dass sich das Renngeschehen wieder spannender gestalten wird, da mehrere Favoriten aus unterschiedlichen Ländern um den Toursieg konkurrieren werden.

 

2005 Lance Armstrongs letzter Sieg © rexite.de


Auch die Dopingentwicklungen vor der Tour 2006 ließen Jean-Marie Leblanc zuversichtlich sein:
Angesichts des Klimas der Verdächtigungen und der Zweifel stellt er einen 'wunderbar ermutigenden Widerspruch' fest: "Die Begeisterung de Publikums hat sich verzehnfacht. Das ist nicht nur Begeisterung, das grenzt mitunter an Leidenschaft. Die Einschaltquoten bestätigen dies auch. Soll heißen, wir sind ein traditionelles Ereignis, das von Schändlichkeiten gebeutelt wurde, aber trotz allem diejenigen verzückt, die sich dafür interessieren."
(France 2, 27.7.2006)

Als zweiter Grund für das wachsende Desinteresse wird erwähnt, dass die Flachetappen ebenfalls an Spannung verloren haben: Letztendlich endet fast jede Flachetappe mit einem Massensprint und Ausreißer haben kaum eine Chance zu gewinnen, weil die Teams der Sprinter den Vorsprung stets so unter Kontrolle haben, dass die Führenden noch rechtzeitig eingeholt werden.

 

Die Weiterentwicklung zu einem riesigen kommerziellen Medienereignis allerdings hat die Einstellung der Franzosen anscheinend nicht beeinflusst. Es wird zwar von allen wahrgenommen, dass eine solche Veränderung stattgefunden hat, aber lediglich einer beklagt, dass die Tour de France „zu“ groß geworden sei. Als Bespiel dafür nennt er die Siegerehrungen, die heutzutage einer „Theaterszenerie“ gleichen. Außerdem beklagt er, dass der Kontakt zwischen Fahrern und Zuschauern durch das „Village départ“, dem abgesperrten Bereich der Teams, verringert wurde.

Diese Kritik ist jedoch eine Ausnahme. Insgesamt hängen die Franzosen wie früher an ihrem Rennen, was sich auch durch die Zuschauerzahlen an der Strecke sowie die Einschaltquoten im Fernsehen belegen lässt: Im Jahr 2005 verfolgten durchschnittlich 44,8% das Rennen bei France Television.

 



Die Bedeutung der Tour de France für Frankreich

Neben dem wirtschaftlichen Aspekt - den Einnahmen durch Sponsoren sowie Touristen aus der ganzen Welt - und der Tatsache, dass es Frankreich schafft durch die Tour in vielen Ländern der Erde für drei Wochen am Stück in den Nachrichten aufzutauchen, hat die Tour de France noch eine ganz andere Bedeutung für das Land: Sie ist ein Nationalgut mit einer Tradition, die seit 103 Jahren fortgeführt wird. Jeder Franzose wächst mit der Tour de France auf und die Begeisterung für das Radrennen kommt ganz natürlich schon in der Kindheit auf, weil die Familie es schon seit eh und je jedes Jahr verfolgt. Das ist der Grund, weshalb viele der Befragten angeben, dass die Tour de France Sommer und Ferien widerspiegelt und einfach zum Alltag dazugehört. Sie ist einer der Gründe, weshalb viele Franzosen im Sommer in Frankreich bleiben.

 

Die Tour de France repräsentiert außerdem den Nationalstolz der Franzosen: Sie bezieht alle Regionen der Grande Nation sowie alle sozialen Schichten und Altersklassen der Bevölkerung mit ein, dadurch dass sie durch das ganze Land führt und jeder die Möglichkeit hat kostenlos an der Begeisterung teilzuhaben. Ein Franzose schreibt dazu: „Sie ist die letzte Sache, die alle Franzosen wieder vereinigt.“ Außerdem präsentiert sie das Land nach außen und verschafft ihm Anerkennung in der ganzen Welt.

Die Tour de France ist ein Teil von Frankreich und ohne sie wäre das Land nicht vollständig, weil sie in den 103 Jahren ihrer Geschichte zu einem festen Bestandteil des Lebens geworden ist und in den Herzen der Franzosen fest verankert ist. (siehe auch folgenden Artikel 'Frankreichs wandernder Nationalfeiertag', 17.7.2006)


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