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Giro-Tour 2006 von Checker



27.05.2006: Aprica / Mortirolo



Einstieg Mortirolo

Dimaro, 7:00 Uhr. Alle Campingplatzbewohner schlummern friedlich in ihren Zelten bzw. Wohnmobilen. Alle Campingplatzbewohner? Nein, die vier unbeugsamen Radsportfreaks aus Dresden / Berlin sind schon wieder auf den Beinen. Schleppen sich zum Waschraum, bauen die Zelte ab, räumen das Auto ein – alles mehr schlafend als wach. Zum Glück sind wir mittlerweile ein eingespieltes Team und verstehen uns blind, sonst müssten wir ja noch die Augen richtig öffnen oder sogar miteinander sprechen. Dafür reicht die Kraft aber nicht mehr





Fiese Rampen am Mortirolo

Unser MB Vito zeigt keine Formschwächen und bringt uns in Windeseile über den Passo del Tonale, an dem schon die ersten Hobbyfahrer unterwegs sind. Weiter geht es nach Edolo. Es ist noch nicht einmal 9:00 Uhr, aber die Strasse zum Mortirolo ist bereits gesperrt, zumindest für Autos. In Edolo finden wir schnell den Campingplatz. Der Zeltaufbau klappt auch zu dritt, Gotzi schläft in der Zwischenzeit wie ein Stein. Nach dem – na was wohl? – Einkaufen und einem kleinen Päuschen fahren wir schließlich per Auto hinauf nach Aprica, zum Ziel der heutigen Etappe. Da Gotzi wegen seiner Knieprobleme nicht mit Rad fahren kann, will er es sich am Ziel gemütlich machen. Wir anderen drei machen unsere Räder startklar. Es ist mittlerweile fast Mittag – wird mal Zeit, eine kleine Runde zu fahren





Endlich flacher auf der Profistrecke

Vom Passo d'Aprica sausen wir erstmal hinunter ins Valtellina. Hinter Tirano müssen wir gleich eine fiese Steigung überwinden – ich dachte, das hier ist ein Tal! Wir nähern uns Mazzo, und Basti gibt zu Protokoll, dass er wohl gleich vom Rad fällt. Zumindest geht es ihm wirklich nicht gut, das drückend-schwüle Klima hier im Tal scheint ihm nicht zu bekommen. Keine sehr guten Voraussetzungen, um den Mortirolo zu bezwingen…

Mazzo ist erreicht, und ein leicht kribbelndes Gefühl in der Magengegend stellt sich ein. Zunächst werden wir aber mal von der original Giro-Strecke umgeleitet, was eine unfreiwillige Besichtigung des ganz und gar unspektakulären Dorfes Mazzo zur Folge hat. Nach einer kleinen Rampe am Ortsausgang empfängt uns ein Schild "Passo del Mortirolo aperto/open/offen/ouvert" (sicher ist sicher  ). Dahinter die Strasse – hmm, sieht sehr steil aus! Corny muss sich vor lauter Schreck erstmal ein Brötchen zurechtmachen. Während der kleinen Pause beobachten wir die ankommenden Rennradler. Zu den meisten von ihnen scheint noch nicht durchgedrungen zu sein, dass es mittlerweile Kompaktkurbeln und Ritzel jenseits von 25 Zähnen gibt. Viel Spaß! In Italien scheint das Rad-Machotum noch deutlich ausgeprägter zu sein als in Deutschland…





Sehr motivierend

Während Corny sein zweites Brötchen vertilgt (die 25 Kilometer bis hierher, davon die Hälfte bergab, müssen ja unglaublich viel Energie gekostet haben! ), werde ich langsam ungeduldig. Die ganzen Leute nehmen den Mortirolo in Angriff, ich will auch! Basti und ich lassen Corny dann auch in Ruhe überlegen, was er noch essen will, und fahren los. Null Meter Einrollphase, die Strasse wird sofort zur Raketenstartrampe. 18%, vielleicht sogar mehr (Basti wird später von max. 21% berichten, die sein Radcomputer angezeigt hat). Himmel, wie brutal ist das denn?! Nach wenigen hundert Metern bin ich schon am Kämpfen. Ich vergesse meinen ganzen Stolz und lege 32:34 auf ;) . Tempo fällt zeitweise unter 7 km/h. Immerhin: den ganzen Rennradmachos geht es noch dreckiger als mir – sie übersäuern hoffnungslos beim Versuch, ihre Kurbeln irgendwie in Bewegung zu halten. Und die ersten schieben schon nach nicht einmal einem Kilometer.





Basso im Training

Nach gefühlten zwei Stunden sind die vermutlich längsten 1,5 Kilometer meines Lebens (geschätzte Durchschnittssteigung: mind. 15%) überwunden. Ein kleines Flachstück bietet Gelegenheit zur Erholung. Am Ende der Flachpassage mündet die Strasse nun doch auf die Originalstrecke des Giro - exakt dort, wo die ersten wirklich steilen Rampen beginnen. Diese können uns aber nun nicht mehr erschüttern – wir haben das Schlimmste schon hinter uns. Die Profis hätten diesen "Hobbyfahrer-Aufstieg" bestimmt ausgiebig bestreikt





Cunego kämpft

Also gut, nur noch lumpige 9 Kilometer bis zum Pass. Nun, es rollt nicht gerade wie von allein, aber dank geeigneter Übersetzung finde ich bald meinen Rhythmus. Motivation geben einmal mehr die zahlreichen Rennradfahrer, die sich mit 20er Kadenz den Berg hinauf quälen, sichtbar geschockt sind, dass da einer mit MTB und Gepäcktaschen überholt, und vergeblich versuchen dranzubleiben. Das baut auf, yeah ! Auf den flachen Abschnitten (d.h. 8-10%) zücke ich immer wieder meine Kamera und mache ein paar Bilder. Um den Anstieg zu dokumentieren und die Rennradler noch zusätzlich zu demoralisieren . Langsam macht die Sache hier richtig Spaß . Zumindest muss ich mich nicht so schinden wie tags zuvor am San Pellegrino.





Lude wird geschoben

Weiter oben geht die Steigung auf normal steiles Maß zurück. An der 3-Kilometer-Marke war Treffpunkt vereinbart, aber ich fahre noch einen Kilometer weiter, um nach einer steileren Stelle zum Zuschauen zu suchen. Zurück bei km 3, tauchen bald Corny (a.k.a. Mit-28:26-Auskommer) und Basti (a.k.a. Schwerkrank-Mortirolo-Bezwinger) auf. Die sind wirklich nicht aus Pappe! Ziemlich exakt 2,4 Kilometer vor dem Pass lagern wir. Die Stelle ist fast ideal – noch einmal sehr steil, und wir haben die Wahl zwischen zwei Fernsehgeräten, auf denen wir den Verlauf der Etappe verfolgen können . Vorher wird noch schön gegessen (d.h. Corny muss zuschauen, er hat ja schon… ).





Traumblick am Mortirolo

Bevor es an unserem beschaulichen Plätzchen zu gemütlich wird, kommen die Fahrer. Vorn Basso und Simoni *gähn*, etwa eine Minute dahinter Gutierrez und Piepoli, kurz danach Cunego solo. Ein Spektakel: Jeder kämpft für sich allein, ab Position 50 wird fast jeder Fahrer geschoben. Auch wir beteiligen uns daran. Aber, hey: Wenn die Herren ganz nach rechts an den Strassenrand fahren, dich mit dem gequältesten aller Dackelblicke anschauen und "Springere!" ("Schieben!") winseln – wer kann da widerstehen? Mirco Lorenzetto von Milram bedankt sich hundertmal für die fünf Sekunden, die ich ihn schiebe – wow, die müssen ja wirklich am Ende sein! Außer Benoit Joachim – ich vermute, bei ihm ist das auch Kalkül. Der beherrscht den sterbenden Schwan einfach zu perfekt!





Trubel am Pass

Ein großer Spaß war es, der zudem noch 45 Minuten dauerte (was uns zu gewisser Sorge um einige Fahrer – z.B. Frösi - wg. des Zeitlimits veranlasste). Die restlichen reichlich zwei Kilometer zu Gipfel konnten uns dann nicht mehr schrecken. Auf den letzten 1000 Metern wurde es merklich flacher, der Wald wich einer freien Fläche, und – Mann! Ist das schön hier! Blauer Himmel, schönster Sonnenschein, tolle Fernsicht, die Strasse vollgepinselt – oben am Pass machen wir noch mal eine ausgiebige Pause und genießen das gesamte Drumherum. Der Mortirolo ist wirklich ein Highlight und mehr als ein würdiger Abschluss unseres Giro-'06-Abenteuers . Noch ein letztes Mal genießen wir eine grenzwertige Abfahrt , die uns zurück nach Edolo bringt. Und das Beste: als wir auf dem Campingplatz ankommen, hat Gotzi schon den Grill angeworfen. Und wir können den Tag – endlich einmal – gemütlich ausklingen lassen. Ich denke, das haben wir uns auch verdient .

 

Fazit: Es war geil! Lediglich auf die italienischen Stehklos kann ich sehr gut verzichten . Und damit spreche ich wohl für alle Teilnehmer unseres verrückten Trips . So, wo geht es nächstes Jahr hin? …


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