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Dolomiten 2010

mit Checker, Andi, Geralf, Basti & Vera



3. Tag, 23.08.2010:

Kleines Detail am Rande: unsere sündhaft teuren Edel-Renner mussten wir vom zweiten Tag an in einem nicht abgeschlossenen Abstellraum des Hauses parken, nachdem mich die Vermieterin am Morgen auf frischer Tat ertappte, wie ich gerade mein Rad aus der Wohnung trug. So schnell und (melo)dramatisch habe ich noch niemanden Gesicht einschlafen sehen. Später zeigte sie sich versöhnlicher und versuchte uns zu beruhigen, indem sie erzählte, dass ihr Mann einmal zwei „de la Rosa-Räder“ zwei Jahre lang in besagtem Raum abzustellen pflegte, ohne dass sie gestohlen wurden. Zwei Fragen ließen uns von da an nicht mehr los: 1.) Ist der gute Pedro tatsächlich unter die Rahmenbauer gegangen? 2.) Was passierte nach zwei Jahren mit den Rädern? Naja, jedenfalls konnten wir unsere Drahtesel nach einer Woche tatsächlich vollzählig und vollständig wieder mit nach Hause nehmen. In Dresden würde ich so ein Experiment allerdings nicht wagen.

 

 




Zurück zum Sport: für den heutigen Tag hatten wir uns ein hartes Programm mit über 3000 Höhenmetern und reichlich fiesen Steilrampen vorgenommen. Nachdem die Sella-Runde nicht so ganz planmäßig schonend ablief, war ich ein bisschen skeptisch, ob Ambitionen und körperliche Verfassung in Einklang zu bringen sind. Aber wir fuhren erstmal los, allerdings nur zu dritt, da Basti und Vera am gestrigen Tag ein mittelschweres Verkehrstrauma erlebten und lieber einen ruhigen Wandertag in den Bergen verbringen wollten. Zunächst ging es das Fassatal abwärts, und dank Rückenwindes hatten wir in Predazzo durchschnittlich 40 km/h auf dem Tacho stehen. Hinter Predazzo wehte der Wind dann komischerweise von vorn, was den Schnitt bis Cavalese auf immer noch akzeptable 37 km/h drückte. Die Zeit des km/h-Prahlens war damit vorbei, denn es begann der Anstieg zum Passo di Lavazè. Meine (unsere) Devise lautete: schöööööön ruhig hochfahren! Die ersten Kilometer, welche in weiten Kehren auf freiem Feld nach oben führten, waren mit moderater Steigung auch gut zum Einrollen geeignet. Hinter Varena (laut quaeldich.de gibt es hier einen Brunnen, in Wahrheit sind es mindestens drei…) nahm die Steigung zu und erreichte auch mal dauerhaft zweistellige Werte. Dank Kompaktkurbel konnte der Puls aber noch an der kurzen Leine gehalten werden, und bald flachte die Straße für längere Zeit merklich ab. So lange, bis die Durchschnittststeigung für den Rest des Anstiegs bei 10% angekommen war. Es begann mit einer kurzen, knackigen Rampe, welche der nun sehr unbarmherzigen Sonne ausgesetzt war. Zum Glück tauchte die Straße bald wieder in den Wald ein. Leichte Linkskurve, ein Schild: 18%. Das war vielleicht etwas übertrieben, aber lange 14%-Abschnitte konnten die letzten 2 Kilometer zur Passhöhe zuhauf bieten. Und das weitgehend ohne Kurven. Mein Wohlfühltempo sank auf etwa 8 km/h, aber das war in Ordnung so. Ziemlich entspannt erreichte ich den höchsten Punkt, kurz nach mir kamen auch Andi und Geralf oben an.

 

Die Abfahrt war ein Fest. Auf neuem Flüsterasphalt ging es zunächst noch kurvenreich bergab, bevor die Straße bis Novale gut zwei Kilometer lang beinahe schnurgerade mit zweistelligem Gefälle nach unten fiel. Aus Respekt griff ich „schon“ bei Tempo 87 nach den Bremsen. Andi, dessen Radcomputer leider nicht mitspielte an diesem Tag, dürfte einem dreistelligen Wert mindestens sehr nah gekommen sein…

In Novale trennte sich die Gruppe kurzzeitig. Geralf fuhr gleich weiter bergab nach Ponte Nova, während ich mit Andi die Straße nach Obereggen inspizierte. Der Anstieg wäre bergab ebenso eine Rennstrecke allererster Qualität gewesen, bergauf waren kaum zweistellige Geschwindigkeitswerte möglich. Obereggen hat nicht viel zu bieten, aber schließlich war der Weg das Ziel. Nach kurzer Pause und erneutem Auffüllen der Wasserflaschen - frisch aus dem Bach, wie so oft in dieser Woche – sausten wir über Eggen zu Tal. Wieder eine irre Abfahrt, die trotz schmaler Straße wieder fast 90 km/h zuließ. Da durchfährt man leichte Kurven mit Tempo 75 und findet das mittlerweile völlig normal… volltrottel

 





Im Eggental hielten wir uns nur kurz auf, umgehend führte die geplante Route wieder bergauf nach Obergummer. Geralf fror aus unerfindlichen Gründen – es waren gut und gerne 27°C im Schatten – und verlangte nach einer zeitnahen Essenspause. Nur noch 500 Höhenmeter. Ich war fast ein wenig enttäuscht, dass auch dieser Anstieg sehr großzügig ausgebaut war – auf der Karte sah es eher nach einem einsamen, kleinen Bergsträßchen aus. Bis San Valentino schraubt sich die Straße in vielen Kehren mit ziemlich konstanten 9-10% Steigung nach oben. Wir blieben zusammen und fuhren in gezügeltem Tempo hinauf, schließlich sollte der Hammer des Tages noch kommen. Die letzten 200 Höhenmeter waren etwas gemäßigter als der vorherige Anstieg, bisweilen sogar völlig flach, und ohne Probleme erreichten wir die unspektakuläre Passhöhe (besser: den höchsten Punkt der Straße). Anschließend kehrten wir verdientermaßen in einer sehr empfehlenswerten Gaststätte ein.

 

Die folgende Abfahrt war erneut ein Fest – dieses Mal jedoch vor allem für die Augen. Weit unter uns das Eisacktal, der Schlern zum Greifen nahe, Teile der Rosengartengruppe weiter hinten – da kann man nicht stupide runterbrettern, das muss man genießen! Hinter Steinegg war jedoch volle Konzentration gefragt: steile Straße, die Kehren zahlreich und eng, der Straßenbelag von wechselhafter Qualität. Abfahren kann richtig anstrengend sein – ich war erleichtert, als ich unten ankam.




Unten, das hieß: ich Prato all’Isarco (Blumau). Nach über 1600 Höhenmetern Warmfahren sollten wir nun am Nigerpass fast noch einmal die gleiche Höhendifferenz überwinden, und zwar in der ganz harten Variante. 24% Steigung, steilste Passstraße der Alpen (?)… Ich war sehr gespannt und erwartete eine ähnliche Schlacht wie zu Pfingsten am Modre Sedlo. Zunächst wurden wir jedoch, direkt am Einstieg, von einem dubiosen Schild empfangen: „Straße zwischen Blumau und Breien […] gesperrt“. Hmm, steht dieses Schild immer hier, um Durchgangsverkehr zu vermeiden? Wir fuhren erst einmal weiter, denn eins ist klar: wir MÜSSEN hier einfach hoch! Aber bereits nach wenigen hundert Metern mündete der Asphalt in groben, kaum fahrbaren Schotter und uns ereilte die Gewissheit, dass hier doch irgendein Ausnahmezustand herrscht. Ich frotzelte ein bisschen, „vielleicht gibt es hier Sprengungen“ – Andi hörte das gar nicht gern. Von hinten kam ein PKW, der Fahrer meinte: „In 4 km ist die Straße wieder frei.“ Ja, ja, ab Breien – das hätte ich mir auch selbst denken können. Teils schiebend, teils vorsichtig fahrend tasteten wir durch das enge Tal nach oben. Ab und zu mal ein bisschen Asphalt, der aber nie lange anhielt. Ein LKW kam uns entgegen, klare Aussage: „Kein Durchkommen, auch mit MTB nicht.“ Irgendeine unsichtbare Kraft lenkte uns dennoch weiter aufwärts. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Von bösen Rampen war hier noch nichts zu sehen, aber der Schotter forderte uns auch so hinreichend. Während ich noch überlegte, ob ein Ersatzschlauch je Fahrer ausreichend sei, erblickten wir kurz nach Überquerung des Baches auf die rechte Talseite das endgültige Unheil: Bauarbeiten, ein Bagger versperrte die gesamte (enge) Straße – nicht einmal zu Fuß kam man dort vorbei. Einer der Bauarbeiter kam gleich auf uns zu, berichtete von einem zweieinhalb Meter tiefen Loch in der Straße, ein zweites weiter oben. Vielleicht gibt es einen Wanderweg auf der anderen Talseite? Fehlanzeige, dort war nur ein steiler, dicht bewaldeter und undurchdringlicher Hang. Es half alles nichts – wir mussten umkehren.

 




Wir trugen es mit Fassung – irgendwann werden wir wiederkommen. Die „Abfahrt“ brachten wir auch irgendwie hinter und nahmen von Blumau aus die neue Nigerpass-Straße in Angriff. Die Frühnachmittagssonne knallte voll in den Hang, der Verkehr war unangenehm (wenngleich er nach dem Abzweig zur Seiser Alm etwas nachließ) – Spaß machte das definitiv nicht. Nach 7 Kilometern und 600 Höhenmetern endete die erste Stufe des Anstiegs, es wurde richtig flach und wir konnten uns wieder verstärkt auf die schöne Landschaft konzentrieren. Bald mündete von rechts die alte Passstraße ein – hach ja… Vor Tiers ging es dann wieder spürbar bergauf, im Ort selbst folgte eine giftige, kleine Rampe, an deren Ende ein Brunnen zu einer weiteren kleinen Pause einlud. Ich aß einen halben Riegel, Geralf schluckte ein Powergel, und bald ging es weiter. In San Cipriano begann die zweite Steilstufe, wie man hier eindrucksvoll sehen kann. Beim Versuch, während der Fahrt die Kamera aus der Trikottasche zu fischen, um genau dieses Motiv festzuhalten, verlor ich einen wertvollen Riegel. Umkehren, Riegel auflesen, in Ruhe aus dem Stand zwei Fotos geschossen, dann stiefelte ich den anderen beiden hinterher. Die angeschriebenen 20% wurden zwar deutlich verfehlt, aber dauerhafte 14-15% waren eindrucksvoll genug. Ich fühlte mich plötzlich ausgesprochen wohl, fand in der Steilrampe einen guten Rhythmus und schloss Meter um Meter die Lücke zu Andi und Geralf. Letzter bekam gerade einen Hungerast, konnte nur noch an Schnitzel denken und fiel bald zurück. Tja, diese Powergels. Die Wirkung ist vor allem: von kurzer Dauer

 

Nun kletterte ich also allein vorneweg durch den Wald, durchfuhr Kehre um Kehre und vollendete bald den 3000. Höhenmeter. So langsam machten sich Müdigkeit und Plätte bemerkbar, aber ich erreichte noch halbwegs anständig die Passhöhe. Andi kam gut 3 Minuten später an, Geralf nach weiteren 2 Minuten und 2 Riegeln. Wir wollten gerade weiterfahren, da wurde mir schlecht. Richtig ko**übel. Essen war un-, Getränkeaufnahme nur in homöopathischen Dosen möglich. Die „Abfahrt“ vom Nigerpass, zunächst ein faux plat von weiteren 100 Höhenmetern Aufstieg, war der schlimmste Abschnitt des Tages für mich. Zumindest konnte ich erfolgreich verhindern, mich zu übergeben. Schließlich ging es doch noch ein wenig bergab, das Latemar-Massiv lag in voller Pracht vor uns, aber so richtig konnte ich mich daran nicht erfreuen. Noch einmal 50 Höhenmeter zum Karerpass, heute eine harte Nuss. Jetzt nur noch bergab, 10 Kilometer bis Vigo. Nach der letzten Mini-Rampe hinauf zur Ferienwohnung musste ich mich erstmal auf den Boden setzen.

 

Zwei Stunden später wagte ich es, wieder Nahrung aufzunehmen. Kleinere Magenprobleme habe ich ab und zu, vor allem bei hohen Temperaturen, aber das war nicht normal. Ich beschloss, nach Rücksprache mit unserer persönlichen Ärztin Vera smile , meine Ernährung auf dem Rad umzustellen. Öfter essen und trinken, dafür kleine Portionen. Mal sehen, ob es hilft.


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