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Dolomiten 2010

mit Checker, Andi, Geralf, Basti & Vera



6. Tag, 26.08.2010

Erneute Gruppenteilung am Donnerstag: Vera, Basti und Geralf wollten die Latemar-Gruppe via Klettersteig erobern, quasi als Generalprobe für die geplante Zweitagestour am Wochenende. Das ist natürlich auch verlockend, kam für Andi und mich aber nicht wirklich in Frage. Schließlich wartete noch eine stattliche Anzahl von Pässen in der Umgebung auf uns. Zunächst fuhren wir talabwärts bis Moena – bei Kühlschranktemperaturen, denn das Fassatal ist hier besonders eng und schattig. Aber das Wetter war perfekt, und in den ersten Kehren hinauf zum Passo San Pellegrino ergaben sich Bilderbuchblicke auf die von der Morgensonne beschienenen Felsmassive von Latemar und Rosengarten. Die Daten des Anstiegs – 11,4 km bei 6,8% - erscheinen zunächst einmal wenig furchteinflößend, aber die Steigung ist eher ungleichmäßig, und Rampen bis zu 14% verhindern ein lockeres Einrollen erfolgreich. Aber der Anstieg ist recht schön, führt überwiegend geradeaus zunächst durch den Wald an einem kleinen Bach entlang. Auf den letzten Kilometern geht es durch eine Almlandschaft bei erträglicher Steigung nach oben. Die Sonne zauberte wunderbare helle Farben – ein Genuss. Zudem ist der Straßenbelag makellos – morgen wollen wir hier bergab fahren, ich freue mich jetzt schon.

 

Ohne Probleme erreichten wir Passo San Pellegrino, eigentlich ein recht großes Dorf und offensichtlich auf Wintersport ausgerichtet. Das Ortsschild muss wohl oder übel als Passschild herhalten. Und auch wenn der Ort deutlich schöner ist als so manche französische Skistation, so bietet er doch wenige Gründe, sich länger aufzuhalten. Also stürzten wir uns bald in die Abfahrt nach Cencenighe. Vor vier Jahren hatte ich mich hier während des Giro nach oben gekämpft, und als wir uns die gifitg steilen Serpentinen nach unten tasteten, wurde mir klar, warum ich mich damals so quälen musste. Und morgen dann wieder… Kurzer Halt in Falcade Alto: das Panorama ist phantastisch und muss einfach mal in Ruhe genossen werden. Ein paar Meter von uns entfernt hielt ein Mountainbiker ebenfalls an, begutachtete seinen Hinterreifen und ärgerte sich sichtlich: Plattfuß. Wir könnten ihm eine Luftpumpe anbieten, aber leider nicht den benötigten Ersatzschlauch. Aber er hatte schon auf Plan B umgestellt: „Finito...Mama…Auto.“ Er war übrigens mindestens 50... smile

Nach insgesamt fast 20 Kilometern Abfahrt erreichten wir Cencenighe und fuhren das Tal des Cordevole abwärts. Leider verhinderte Gegenwind ein lockeres Dahingleiten, so dass wir uns bis Agordo schon ziemlich ins Zeug legen mussten. In Agordo fanden wir endlich einen Brunnen, bei jetzt schon fast 30°C im Schatten war Wassernachschub dringend nötig. Im hübschen Stadtzentrum könnte man sich bestimmt auch länger aufhalten und das Panorama der umliegenden Berge genießen, aber der Passo Duran rief bereits nach uns. Direkt am Einstieg wieder ein böses Schild: Straße in 18 km gesperrt, also irgendwo in der Abfahrt. Wir verdrängten unsere Erfahrungen vom Nigerpass und fuhren los. Kurz gesagt: der Passo Duran wurde das Highlight des gesamten Urlaubs. Eine überwiegend schmale, abgelegene und wenig befahrene Passstraße in traumhaft schöner Landschaft, in der ausnahmsweise mal kein einziger Skilift- oder hang den Eindruck trübte. Die gewaltigen Felswände der umliegenden Berge schienen mit jedem zurückgelegtem Meter greifbarer, nach jeder Kurve ergaben sich neue phantastische Aussichten. Anspruchsvoll war der Anstieg auch, keine Frage: bei 8% Durchschnittssteigung auf über 12 km, das längere Flachstück kurz vor dem Pass eingerechnet, muss man schon ganze Arbeit leisten. Zudem lag vor allem der erste Teil des Anstiegs meistens in der (prallen Mittags-)Sonne, und das gerade erst aufgenommene Wasser verdunstete scheinbar sofort wieder durch die Haut. Aber das Landschaftserlebnis lohnte jede Mühe, und an der ebenfalls sehr einladenden Passhöhe – zwei kleine Gasthäuser, ansonsten viel Ruhe und Natur – genossen wir die zumindest für Andi schon obligatorischen Gipfelspaghetti.

 

Nun mussten wir natürlich noch der Sache mit der gesperrten Straße auf den Grund gehen und begannen die Abfahrt. Der Duran stand ja schon mehrmals im Programm des Giro d’Italia, aber mir ist nach wie vor schleierhaft, wie man hier im Renntempo hinab fahren kann: sehr schmale, steile Straße, enge Kurvenkombinationen wie auf einer Kartbahn, teilweise schlechter Straßenbelag. Etwa auf der Hälfte der Strecke gab es wieder einen Brunnen – nichts wie hin. Dann kam, kurz vor Ende der Abfahrt, tatsächlich eine Baustelle. Scheinbar gab es kein Durchkommen, aber einer der Bauarbeiter winkte uns sofort durch – zu Fuß konnten wir die Engstelle passieren. Der Motorradfahrer hinter uns musste warten… Augenzwinkern

Im Tal in Dont begann übergangslos der nächste Anstieg, Forcella Staulanza. Kein allzu schwerer Berg, aber gleich zu Beginn war der steilste Abschnitt zu überwinden. Und die Luft stand. Ich schwitzte wie verrückt und trank fast in Minutenabständen. Entlang einer Mauer nahm mir die abstrahlende Hitze fast den Atem. Zum Glück wurde es bald ein wenig flacher und der etwas auffrischende Fahrtwind tat seinen Dienst. In der Folge führte die großzügig ausgebaute Straße bei erträglicher Steigung durch die einzelnen Ortsteile von Zoldo Alto, hübsche Ortschaften mit gepflegten Bauernhäusern. Eindrucksvoll wurde die Szenerie von den beiden Bergriesen Civetta und Monte Pelmo bestimmt, die eigentlich während des gesamten Aufstiegs zu sehen waren. Nach einem kurzen Flachstück kam der berühmte Kehrenabschnitt, in dem es noch einmal ziemlich steil wurde. Hier konnte ich auch mal wieder einen Blick auf Andi erhaschen, der ein Stück hinter, oder besser: unter mir fuhr. Von den letzten Kilometern zur Passhöhe gibt es nichts aufregendes mehr zu berichten, und auch der Pass selbst ist, abgesehen vom obligatorischen First-Class-Blick auf den Monte Pelmo, eher unspektakulär.

 

Die Abfahrt vom Staulanza führte uns wieder einmal nach Selva di Cadore, wo wir das bereits am Vortag getestete Brunnenwasser erneut dankend annahmen. Die beiden Tunnel Richtung Caprile sind auch bergab kein Vergnügen, da hätten wir mal lieber über Colle Santa Lucia fahren sollen. Allerdings wollte ich in dieser Phase jeden nicht unbedingt notwendigen Höhenmeter vermeiden, um so „frisch“ wie möglich in das Duell mit dem Endgegner (Passo Fedaia) zu gehen. Bei deutlich über 30°C im Schatten begannen wir in Caprile den Aufstieg, der bereits im unteren Teil mit längeren 10%-Abschnitten aufwarten konnte (das verlinkte Profil kann nicht stimmen). Der flachere Abschnitt zwischen Rocca Pietore und Sottoguda war für uns nur eine kleine Gnadenfrist. In Sottoguda wollten wir selbstverständlich den Weg durch die Schlucht wählen, in erster Linie aus landschaftlichen Gesichtspunkten. Aber ein weiterer guter Grund ergab sich automatisch: dort unten war es soooo schön kühl! Da konnte man es auch verschmerzen, dass man sich auf dem Weg durch die Schlucht an vielen Fußgängern vorbei mogeln musste und der Fahrbahnbelag nicht der beste war (nicht ohne Grund ist Radfahren nur in eine Richtung – bergauf – erlaubt). Etwas unerwartet wurde es bereits hier stellenweise ziemlich steil, aber die Rampen waren ziemlich kurz. Ganz im Gegensatz zur letzten Rampe – diejenige, die am Ausgang der Schlucht beginnt und oben am Pass endet. Mittlerweile hatte ich mich von Andi abgesetzt und kroch durch Malga Ciapela. Die Hitze war wieder da, und von jetzt an wurde es richtig hart. Müßig zu erwähnen, dass die Straße kurvenfrei den Hang hinauf führte, aber zunächst wird man noch von lichtem Wald umgeben, man kann (oder muss) nicht so weit nach vorn schauen, und die Steigung bewegt sich zumeist bei 10-12%, in den Flachstücken 8% Augenzwinkern . Aber wehe, wenn der Wald aufhört: dann liegt sie vor einem, die berühmte Gerade. Vielleicht 500 Meter lang und mit der unschönen Eigenschaft ausgestattet, nach oben hin immer noch ein wenig steiler zu werden. Dachte ich gestern bei der Abfahrt noch, dass es hier ja gar nicht sooo steil ist, so dachte ich jetzt eher, was ich mir dabei eigentlich gedacht hatte. Quälend langsam schob ich mich vorwärts, mit der unschönen Eigenschaft, immer noch ein wenig langsamer zu werden. Bald waren es nicht einmal mehr 2 Meter pro Sekunde, und ich kam mir mittlerweile vor wie im Riesengebirge.

 

In einer solchen Situation hilft es bekanntlich, wenn man auf Menschen trifft, denen es noch mieser geht. Gegen Ende der Geraden, wo die Steigung locker bei 15% liegen dürfte, fuhr ich an den ersten Mitgliedern einer Radreisegruppe vorbei. Einige hatten bereits aufgegeben und luden ihr Rad wieder in den Bus ein. Andere versuchten, ausgestattet mit einer viel zu großen Übersetzung, bei 4-5 km/h die Balance nicht zu verlieren, immer wieder unterbrochen von längeren Pausen an der Leitplanke. Da kommt man sich doch gleich wieder wie ein Himmelsstürmer vor! In den ersten Serpentinen, gut 2 km vor dem Pass, konnte ich bei deutlich reduzierter Steigung tatsächlich wieder ein wenig Luft holen, bevor ein 15%-Schild bestätigt, was man sowieso schon voraus sehen konnte. Aber die Rampe war nicht allzu lang, ließ sich mit dem vorletzten Quäntchen brutaler Kraft wegdrücken. Nicht mehr weit, meine Güte, vielleicht schaffe ich es ja doch! Nach einer Linkskehre sieht man den letzten Kilometer vor sich, noch einmal einer der brutalen Sorte. Erneut überholte ich einige Fahrer der Reisegruppe – und fragte mich, warum man diesen Leuten so etwas antut. Im Vergleich zu ihnen pedaliere ich leicht und flüssig nach oben, und ich krieche auch schon auf dem Zahnfleisch! Die letzte Gerade versucht noch einmal mit aller Macht, den kämpfenden Radfahrer zum Rückzug zu bewegen, möglicherweise ist es hier am steilsten. Aber dann ist die Qual überstanden, die letzten 100 Meter sind schon fast lächerlich flach.

 

Ich rollte die paar Meter zurück bis zu dem Punkt, von dem man den Schlussteil der Steigung gut überblicken kann. Andi nahm gerade den letzten Kilometer in Angriff, würde also noch einige Minuten unterwegs sein. Ich setzte mich ins Gras und begann schon, die ganze Sache ziemlich geil zu finden. Wie schnell man doch die Schmerzen vergisst…

An diesem Tag verzichteten wir übrigens auf einen „Bonus“. Es war ein unglaublich toller Ritt, aber Strecke und Hitze haben uns alles abverlangt. Naja, vor allem der Fedaia war schuld Augenzwinkern . Lediglich einen leicht gealterten Pantani-Verschnitt, der sich aus unerfindlichen Gründen (italienische Radfahrer-Ehre?) zu einem Duell genötigt sah, mussten wir auf der Rückfahrt durchs Fassatal noch in die Schranken weisen. Und nach ein paar Stunden Regeneration galt es, unsere Wandertruppe ungefähr vom anderen Ende der Dolomiten abzuholen. Sie hatten sich – in Zeit, Weg, Himmelsrichtung… – leicht verschätzt.

 


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