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Geschichte internationaler Radsport



die Entwicklung des Radrennsports

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert begannen die Menschen das Fahrrad für sich erobern, sie lernten die Möglichkeiten kennen und zu schätzen, die ihnen das neue Fortbewegungsmittel erschloss. Das Fahrrad stellte neue körperliche und geistige Anforderungen. Für viele besonders aufregend war, dass die Umgebung selbstständig erschlossen werden konnte. Es wurden zwar schon recht früh Rennen, auch über längere Entfernungen durchgeführt, doch hatten sie nicht den auschließlichen Charakter eines harten Konkurrenz- bzw. Wettkampfes, sondern "Abenteuer, Erlebnis und Mission des Fortschritts“ waren wichtiger. Erst in den 90er Jahren rückte der Wettkampfgedanke in den Mittelpunkt des sportlichen Tuns, "die Velicipedisten mussten sich entscheiden, wollten sie Rennfahrer oder Tourist sein." (1)

 





Der Start zum Grossen Goldenen Rad von Friedenau 1903.

Die Entwicklung des Radsports ging jedoch rasant voran. Folgen wir der Rad-Welt, dem damals tonangebenden journalistischen deutschen Fachorgan, dann war Deutschland in der Zeit um 1905 das führende Radsportland bezogen auf den Bahnradsport. Lediglich Frankreich konnte mithalten, wobei hier alles auf Paris konzentriert war, während in Deutschland die Bahnen über das ganze Land verteilt lagen. In England wurden nur Amateurrennen abgehalten und auch Italien, Belgien und Holland spielten kaum ein Rolle. (>>> deutsche  Rennbahnen 1904). Im Straßenrennsport konnte Deutschland allerdings nicht den Anschluss halten.   

 

>>> Rennfahrerportraits der ersten Jahre: Radsportveteranen



Straßenrennen



Radtouren




Erste Berichte über lange Fahrten, lange Touren mit dem Fahrrad tauchten in Europa und den USA 1869 auf. Einzelne wagemutige Radler begannen die Welt auf Wegen zu erkunden, die mit dem Pferd und der Bahn nicht möglich waren und legten dabei enorme Distanzen zurück. Der Engländer M. Kempf hat 1870 angeblich Hindustan mit dem Rad durchquert. Und großes Aufsehen erregte Thomas Stevens, der 1884 in San Franzisko startete und bis 1886 die Welt auf dem Hochrad umrundete. In einer Artikelserie und einer späteren Monographie berichtete er von seinen erstaunlichen Abenteuern mit Bären, Wildpferden und auch von manchen räuberischen Überfällen. Diese Reisebeschreibungen wurden in den USA und Europa gerne gelesen und ermunterten weitere Fahrer, es ihm gleichzutun - wobei die Deutschen sich dabei angeblich etwas zurückgehalten haben. Den Zeitungen bot sich mit diesen Reisen neue Werbemöglichkeiten. Sie finanzierten diese Abenteuerreisen um ihren Lesern spannende Berichte aus den entlegensten Orten der Welt und kuriose Begebenheiten berichten zu können. Dank der Telegraphie waren die Leser immer hautnah dabei. Der Reiz des Neuen war jedoch bald aufgebraucht und das Interesse brauchte neue Fixpunkte. Die Jagd nach Bestzeiten begann.

 

Nicht die Länge und die Exotik der Stecke wurden zur Hauptsache, sondern die Zeit, die für die zurückgelegte Strecke benötigt wurde, rückte etwa ab 1890 in den Blickpunkt. Auch jetzt kam es wieder zu gigantischen Leistungen vor allem in den USA, und wieder war die Presse der treibende Motor. „Eine Privatfehde zwischen einflussreichen Verlegern führt sogar zu einer besonderen Popularität der ‚Cross- Countries’ von Küste zu Küste. Das Rekordfieber breitet sich so sehr aus, dass ein ‚Century Riding Club of America’ gegründet wird. Der solche Zweiradfahrer aufnimmt, die 100 Meilen an einem Tag fahren wollen.’“ (Rabenstein, S. 19)

 

In Europa legte z. B. Charles Terront die Strecke St. Petersburg-Paris mit Schrittmachern  in 15 Tagen zurück. 1894 steht der Rekord bei 13 Tagen und 1895 bei 12 Tagen 20 Stunden und 42 Minuten. Finanziert und ausgerüstet wurden diese Fahrten, die bereits ein hohes Maß an Organisation benötigten, von Fahrradfabriken, die damit auf das Beste die Leistungsfähigkeit ihrer Produkte aufzeigen konnten.

 



Distanzrennen, Distanzfernfahrten




Start eines Rennens 1895





Paris-Brest-Paris 1891,
der Zweikampf
Terront - Jiel-Laval:

Auf dem Weg nach Brest kann Terront seinem Gegner enteilen, bekommt unterwegs aber Streit mit einer Gruppe von Jiel-Lavals Anhängern, die ihn aufhalten. Nach 35 Stunden ununterbrochener Fahrt muss er in Brest, dem Wendepunkt, feststellen, dass er in Verzug ist und eilt ohne Pause hinterher, die anderen Fahrer gehen schlafen, die beiden führenden nicht. Oder zumindest erst einmal nicht, denn Jiel-Laval hatte sich mit 80 Minuten Vorsprung etwas hingelegt, „während sein Betreuer de Civry Wachen aufstellt, die Terronts Ankunft melden sollen. Duncan, der Manager Terronts, erfährt von Jiel-Lavals Schlaf und den Wachen und lässt Terront rechtzeitig informieren. Es gelingt ihm das Hotels Lavals auf Nebenstrecken zu umfahren. So hört Jiel-Laval erst zwei Stunden später von der Durchfahrt seines Rivalen. Er ist moralisch am Ende. Doch auch Terront ist übermüdet. Er stürzt und lässt sich erst nach längerem Drängen seines Bruders zur Weiterfahrt überreden und sich von ihm aufs Rad heben. Schließlich siegt Terront in Paris nach 71 Stunden und 16 Minuten.“
(Rabenstein, S. 74)

Parallel zu den Rekordtouren kam es zu Beginn der 90er Jahre zur Gründung der ersten Distanzfahrten, Radrennen über lange Strecken, bei denen mehrere Starter darum kämpften, zuerst das Ziel zu erreichen. Auch Zeitnahmen für Vergleiche spielten eine immer größere Rolle.

 

Die erste internationale Distanzfernfahrt war 1891 Bordeaux-Paris über 577 km für Amateure. Gefahren wurde mit Schrittmachern (Radfahrer, die nach einiger Zeit ausgewechselt wurden). Zum Leidwesen der Franzosen siegten vier Engländer. Daher organisierten jene noch im selben Jahr eine weitaus längere Fahrt, Paris-Brest-Paris, über 1196 km – ohne Engländer. Am Start befanden sich 206 Rennfahrer, Berufsfahrer und Amateure. Schrittmacher waren offiziell nicht vorgesehen, doch richteten die Unterstützer des aussichtsreichsten Fahrers Terront einen „Streckendienst“ mit 19 „Mitarbeitern“ ein, welche den Fahrer zu führen wußten. Es entwickelte sich ein packendes Duell zwischen Terront und einem weiteren Franzosen Jiel-Laval. Nach der Hälfte des Rennens sieht letzterer wie der sichere Sieger aus, doch Terront scheint am besten die schlaflose Dauerbelastung ertragen zu haben und siegt nach 71 Stunden und 16 Minuten. 75 Minuten später erreicht Jiel-Laval das Ziel. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 17 km/h auf Sandstraßen, mit schweren Rädern von ca. 20 kg ohne Gangschaltung.

Terront erhielt 25 000 Francs. (2) (>>> Portrait Charles Terront)

 

Auch in Deutschland werden jetzt Distanzfahrten organisiert. 1891 betrug die zurückzulegende Distanz bei Leipzig-Berlin-Leipzig-Dresden-Leipzig 500 km. Doch nur 19 Rennfahrer waren bereit die ausgesetzten 600 Mark zu erringen. 1892 wurden Magdeburg-Köln (457,2 km) und Mannheim-Köln (250 km) ausgetragen.

 

Für großes Aufsehen sorgte die Fernfahrt Wien-Berlin 1893, die von Josef Fischer gewonnen wurde. (>>> historischer Rennbericht) Diesem Erfolg konnte  er dann 1894 einen weiteren bei der Fernfahrt Mailand-München (>>> historischer Rennbericht) hinzufügen, bei der es zum ersten Mal über die Berge, hier den Brennerpass, ging. 26 deutsche und 23 italienische Fahrer machten sich daran die 1 000 Mark und einen Goldpokal zu holen. Es folgten u.a. Dresden-Berlin, Basel-Cleve (620,6 km) und Triest-Graz-Wien. 

 





Suter - Schallwig
Sieger Leipzig-Ansbach 1912

Im Gegensatz zu Frankreich verlagerte sich in den nächsten Jahren das Interesse der Deutschen einseitig zugunsten der Bahn. Erst im Jahre 1905 widmete die Rad-Welt in ihrem Sportalbum den Straßenfahrern wieder einige Seiten und sprach von einer beginnenden Renaissance des Straßenradsports in Deutschland. Ab dem Jahre 1910 scheint die Popularität wieder beachtlich gewesen zu sein. Nicht unschuldig am Niedergang des Straßenradsports waren der Verbändewirrwar und die Startprobleme, die sich daraus für Berufsfahrer ergeben hatten. Die Folge war, dass sich für die Fahrradindustrie ein Engagement wenig lohnte. Doch langsam fand man Lösungen und 1912 zählt das Radsportfachblatt 47 Rennen unter der Rubrik ‚wichtigste Straßenrennen’ in Deutschland auf.

 

International sind uns heute noch ein paar Rennen aus dieser frühen Zeit erhalten geblieben: Paris-Tours 1896, die Lombardei-Rundfahrt 1905, der Große Scheldepreis 1907, Mailand-San Remo 1907, Lüttich-Bastogne-Lüttich 1912, die Flandern-Rundfahrt 1913 und die Meisterschaft von Zürich 1914. Bordeaux-Paris wurde zum letzten Mal für Profis 1988 ausgetragen, heute wird es für Rad-Touristen organisiert. In Deutschland überdauerten „Rund um die Hainleite“ (1907) „Rund um Köln" (1908) (>>> RdK-Geschichte) und "Rund um Berlin" (1896), heute ein Amateurrennen.



Etappenrennen

Als eine Variante der Distanzfernfahrten und Distanzrennen können die Etappenrennen angesehen werden. Einzelfahrer begannen lange Rundfahrten zu bewältigen, später auch unter Rekordgesichtspunkten. So hat 1895 der Franzose Joyeux Frankreich in 18 Tagen umrundet und dabei 4500 Kilometer zurückgelegt. Henri Desgrange soll ihn dabei immer wieder zur Weiterfahrt ermuntert haben. 1903 rief Desgrange dann die erste Tour de France ins Leben. An sechs Tagen mussten 2428 km zurückgelegt werden. Maurice Garin schaffte das in 93 Stunden 29 Minuten. 1909 folgten die Tour door Nederland und der Giro d’Italia, 1911 Rund um Deutschland und die Katalonien-Rundfahrt. 

 




Fahle-Schulze-Strasser auf der Strecke Berlin-Kottbus-Berlin 1912

Zitat:die Kniffe der Strassenfahrer:
"Ein (...) Trick ist das Nachahmen des Geräusches von Reifenschäden. Viele Fahrer haben in dieser Nachahmung eine gewisse Meisterschaft erlangt und nicht nur die Neulinge, sondern auch die Ganzschlauen fallen noch darauf hinein. Wenn das "Pffssst-st-st-st-st" ertönt, blicken fast alle erschreckt nach ihren Reifen, und wenn der Imitator in diesem Augenblick antritt, kann er unter Umständen seine Gegner abhängen. Dieser Trick ist auch im Bahnrennen oft mit Erfolg angewendet worden."



 

>>> Fortsetzung: Bahnradsport


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