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Giro-Tour 2006 von Checker



26.06.2006: San Pellegrino

Der Morgen empfing uns mit blauem, fast wolkenlosem Himmel – und bitterer Kälte. Selbst in meinem dicken Schlafsack fror ich, und beim Frühstück zogen wir so ziemlich alle Klamotten an, die wir bei uns hatten. Irgendwann erreichten dann doch die ersten Sonnenstrahlen den Campingplatz, und wir tauten etwas auf.

Wir hatten Großes vor an diesem Freitag: Nicht weniger als zwei (!!!) Alpenriesen wollten wir erklimmen. Zuerst den Fedaia zum Einrollen und danach den San Pellegrino. Nach unserem allmorgendlichen Erwerb großer Mengen an Nahrungsmitteln fuhren wir schließlich in Pozza los, talaufwärts nach Canazei. Viele andere Radfahrer waren schon unterwegs, und einige von uns vieren mussten sich natürlich gleich mit diversen Rennradlern messen. 'Unsinn', dachte ich mir, 'Was zählt, ist am Berg…'





Fedaia-Pass

Hinter Canazei beginnt der Anstieg zum Fedaia (zugegeben, die leichtere der beiden Auffahrten). Die ersten Rampen fahre ich noch relativ dosiert und fühle mich so gut wie tags zuvor am Falzarego. In einer Spitzkehre will ich ein Foto von Gotzi, der 50 Meter hinter mir ist, machen. Gerade in diesem Moment wird er von einem augenscheinlich sehr schnell unterwegs seienden Mountainbiker überholt. Und die niederen Instinkte des männlichen Radfahrers brechen in mir durch: 'Nein, von dem lässt du dich nicht einholen!' Kamera schnell weggepackt, einen Gang nach oben geschaltet, und: treten, treten, treten. Der Puls geht nach oben, bald fangen die Beine an zu schmerzen. Und trotzdem: Nach jeder Kehre ist der andere wieder fünf Meter näher dran. Und zweieinhalb Kilometer vor dem Pass hat er mich eingeholt. Aber er fährt nicht vorbei, sondern scheint sich an meinem Hinterrad erstmal erholen zu wollen Als Tandem pflügen wir durch das Feld der anderen Hobbyfahrer und streben dem Fedaia entgegen. Anerkennender Gruß oben am Pass – hat trotzdem Spaß gemacht





Warten am Fedaia

Mein genialer Plan sah nun folgendes vor: rasante Abfahrt nach Sottoguda, durch die Sottoguda-Schlucht (durch die auch die Profis fahren würden) wieder ein Stück nach oben klettern und in Malga Ciapela (etwa fünf Kilometer vor dem Fedaia) an einer schönen, steilen Rampe auf die Fahrer warten. Leider war die Schlucht schon gesperrt, und wir mussten uns wieder die Hauptstrasse nach oben quälen. In Malga Ciapela platzierten wir uns gleich am Ortseingang und warteten. Warteten. Warteten. In der prallen Sonne. Selbst ein etwa 70jähriger Bergbauer, der grauenhaft schlecht Karaoke sang, konnte nicht wirklich für Kurzweil sorgen. Lediglich dem tanzenden Basti schien es zu gefallen Eine halbe Ewigkeit dauerte es, bis irgendwann, knapp eine Stunde hinter der langsamsten Marschtabelle liegend, die Spitzengruppe mit Bettini, Garate, Voigt u.a. vorbei fuhr. Starke Gruppe! Das Feld mit CSC an der Spitze und Basso im Lehnsessel kam etwa vier Minuten später, das Grupetto mit Schumi vorn war bereits abgeschlagen. Als das komplette Feld vorbei war, setzte Teil 2 meines genialen Plans ein: Abfahrt nach Caprile, im Tal bis Cencenighe fahren und dann den San Pellegrino so weit wie möglich erklimmen, bevor die Profis kommen. Den Plan hatten wir durchaus nicht als einzige, und so setzte zwischen Fedaia und San Pellegrino eine wahre Völkerwanderung auf zwei Rädern ein. Wobei die Wanderung eher ein Rennen war, an dem ich mich aufgrund aerodynamischer und rollreibungstechnischer Nachteile allerdings nicht beteiligte. Und immerhin standen uns noch 18 Kilometer Anstieg bevor.





Spitze am Fedaia

In Cencenighe sammelten wir uns erst einmal. Gotzi hatte Kniebeschwerden, sehr ungünstig. Er will es trotzdem versuchen, nach oben zu kommen. Also los! Alle Hobbyfahrer werden um den Tunnel am Beginn des San Pellegrino-Anstieges geleitet, und an der Einmündung auf die Passstrasse müssen wir erst einmal eine ewig lange Auto-Eskorte abwarten. Der Effekt: Immer mehr Radfahrer sammeln sich, und als die Autos vorbei sind, setzen sich etwa 100 Radler gemeinsam in Bewegung. Und natürlich geht das Rennen weiter

Allerdings: Dieses Mal mache ich mit. Zusammen mit Basti fahre ich nach oben, und bald sind wir vorn Als uns ein Rennradler überholt, muss ich Basti dann doch zurücklassen, um den wieder einzuholen  Irgendwie macht es Spaß, und die Zuschauer am Straßenrand vermitteln den Eindruck, dass ich mich tatsächlich im Rennen befinde. Mit MTB und Gepäcktaschen. In Falcade, 10 Kilometer vor dem Pass, halte ich an einem Brunnen an. Ein paar Minuten später fahren wir gemeinsam zu viert weiter. Etwa 200 Meter weit – dann machen Carabinieri die Strasse dicht. Was soll der Sch***?! Die Spitzenfahrer kommen erst in einer Stunde hier vorbei! Naja, Diskutieren lohnt sich schon aufgrund der Sprachbarrieren nicht. Also biegen wir links in die Nebenstrasse ein, laufen 100 Meter danach nach rechts über ein Grundstück, überwinden einen Zaun – und sind zurück auf der Rennstrecke Leider wartet einen Kilometer weiter oben die nächste Straßensperre. Nun wird es schon komplizierter: Wir müssen unsere Räder mehrere Stufen nach oben tragen, um hinter den Carabinieri wieder auf die Strasse zu gelangen. Dummerweise bemerkt einer der Freunde und Helfer unsere Aktivitäten und läuft uns hinterher. Wir lächeln nur müde und setzen uns in einem kleinen Bergsprint à la Popovych-in-Courchevel uneinholbar von unserem Jäger ab. Ein Riesenspaß!





Warten am Pellegrino

Nur wenig später – acht Kilometer vor dem Pass – entscheiden wir uns dann doch zu warten. Die Stelle ist ziemlich gut, es ist relativ steil (wenn auch lange nicht so steil wie weiter oben) und man kann zwei Kilometer weit nach unten zurück schauen. Und Gotzi ist höchst einverstanden, seinem Knie erstmal eine Pause zu gönnen. Irgendwann kommen schließlich die Fahrer. Valjavec und Voigt sind vorn, Garate hatte kurz vorher aus der Verfolgergruppe attackiert und ist drauf und dran, aufzuschließen. Die Favoritengruppe, angeführt von Piepoli und Simoni, folgt mir gebührendem Abstand. Etwa 15 Minuten nach Durchfahrt der Spitze – zu unserer Verwunderung ist Ulle noch nicht vorbei gekommen – entscheiden wir uns, nach oben weiterzufahren. Es kommen nur noch vereinzelt kleine Gruppen oder Solisten den Berg hoch, so dass wir erstmal problemlos vorankommen. Knapp 6 Kilometer vor oben hat der Spaß ein Ende: Die Strasse neigt sich bis zu 15%, die hinauf und hinab laufenden und fahrenden Zuschauer (wobei wir vier fast die einzigen Trottel sind, die auf dem Rad nach oben wollen) blockieren die ganze Strasse. Natürlich kommen weiterhin Profis den Berg hoch - zum Glück ist meist ein Motorrad davor, welches den Weg frei hupt. Eine Zeitlang fährt Benoit Joachim vor mir, die fiese Sau Der verdrückt bestimmt jede Menge Krokodilstränen, damit ihn auch wirklich jeder Zuschauer aus Mitleid anschiebt. Trotzdem kommt er kaum vom Fleck. Mich schiebt niemand , ansonsten hätte ich den Luxemburger bestimmt eiskalt versenkt Ich leide wie noch nie in dieser Woche, die Strasse wird einfach nicht flacher. Die ersten Profis kommen von oben zurück, das Chaos beginnt sich zu perfektionieren.





Tadej und Jensi

Nach der 3-Kilometer-Marke geht die Steigung zum Glück etwas zurück, ich kann ein wenig Luft holen. Noch kann ich mich ganz gut durch die Zuschauermassen schlängeln. Links steht der Vater von Hijo de Rudicio (vgl. Otto: "Wie hieß der Mann der Frau des Malers?"  ) neben seinem Timo-Mannschaftswagen und unterhält sich mit einigen Fans. Was hat das zu bedeuten? Bestimmt nichts Gutes. An der Flamme Rouge erblicke ich plötzlich Cyclist und ihre 30-Kilo-Kamera. Sie bestätigt dann auch, dass Ulle ausgestiegen ist. Sehr schade. Als Corny da ist, fahre ich mit ihm zusammen weiter, bis mich 600 Meter vor dem Ziel ein Carabiniere behutsam vom Rad zerrt. Die letzten Fahrer erreichen das Ziel, wir müssen rechts am Strassenrand warten. Danach lassen wir uns mit dem riesigen Menschenstrom zum Passo San Pellegrino treiben. Ich komme mir vor wie auf einem Festival – mit dem Unterschied, dass hier noch jede Menge Autos, Busse und Motorräder involviert sind. Am Pass angekommen, fliehen wir schnell nach rechts auf die Wiese und betrachten uns das Chaos von oben, während wir auf Basti und Gotzi warten.





Favoritengruppe

Gotzi hat sich tapfer nach oben gekämpft, aber sein Knie streikt nun endgültig. Deswegen wird beschlossen, dass Corny und ich das Auto holen und Basti und Gotzi in Moena am Fuß des San Pellegrino aufsammeln. Die Abfahrt nach Moena ist toll, aber die sieben Kilometer talaufwärts nach Pozza nerven. Wir haben knapp 100 Kilometer und zwei Pässe in den Beinen und brauchen diese fiesen kleinen Wellen zum Schluss nun wirklich nicht mehr. Warum haben wir das Auto nicht in Moena geparkt? Egal, irgendwann sind wir da, verladen die Räder und fahren zurück zu Basti und Gotzi (und ich lasse es mir nicht nehmen, im wahrscheinlich besten Hotel von Moena die Toilette zu benutzen ). Es ist 20:30 Uhr. Unser Tag ist noch nicht vorbei. Ich habe die große Ehre, den Wagen in westliche Richtung zu steuern – so weit, wie wir heute noch kommen. Gegessen wird während der Fahrt. Wir passieren Cavalese, bremsen im zähfließenden Verkehr den Passo San Lugano hinunter nach Auer, cruisen via Autobahn nach Mezzocorona. Mittlerweile ist es dunkel. Die Fahrt durch Val di Non und Val di Sole – furchtbar! Alle 50 Meter eine 90°-Kurve. Bei Dunkelheit und in körperlichem und geistigem Nicht-mehr-top-Zustand ein wahres Vergnügen. In Dimaro entscheiden wir: Für heute reicht's. Der Campingplatz ist ruhig, gepflegt und sehr modern. Leider werden wir ihn nur kurz genießen können. Um Mitternacht fallen wir in die Zelte. Aus…



>>> Fortsetzung


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