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Willy Lorenz: Mein schönstes Rennen

Preis des Südens, Straßburg, 15. Oktober 1911

 




Die Frage nach dem schönsten Rennen meines Lebens fasse ich so auf, daß ich das Rennen schildern soll, an das ich mich mit größter Freude erinnere. Dieses Rennen, dessen ich stets mit einem Lächeln gedenke, ist ein Rennen, das ich am 15. Oktober 1911 in Straßburg gefahren habe und das durch seine Begleitumstände einen für mich überraschenden Ausgang genommen hat.

 



wer den Schaden hat ...

Als ich damals nach Straßburg kam, fand ich als Hauptgegner den Holländer Schilling, Henry Mayer und Ritzenthaler vor. Ich war zwar in guter Form, aber auf der ungewohnten Bahn hatte ich doch Furcht vor den beiden schnellen Fliegern und der Bahnkenntnis Ritzenthalers. Trotzdem ließ ich mir meine gute Laune nicht verderben und in Begleitung von Schilling und Mayer ging ich vergnügt zum Mittagessen. Der Wein machte den Holländer sehr vergnügt und ich lachte dermaßen über ihn, dass mir ein Stück Fleisch in die falsche Kehle geriet. Durch Würgen und Husten versuchte ich meine Luftröhre von dem Eindringling zu befreien, aber die Würgerei passte meinem Magen ganz und gar nicht und mit der Befreiung der Luftröhre ging die Befreiung des Magens Hand in Hand. Das war eine böse Geschichte. Statt einer Stärkung hatte ich eine Schwächung meiner Kräfte erlitten und zum Schaden kam der Spott.

 

Es war mir unmöglich, etwas zu mir zu nehmen und ganz geknickt verließ ich das Lokal. Unterwegs überlegte ich, was ich tun solle, aber mir fiel nichts ein und ich begrub meine Hoffnungen auf den Sieg im Preis des Südens. In meiner Verzweiflung griff ich zur Weinflasche. Ich bot meinem leeren Magen zwei Schoppen Rotwein an und dieser behielt sie auch, aber nach einer Weile begann sich alles um mich zu drehen. Die Zeit, zur Rennbahn zu gehen, war gekommen und in einem etwas seligen Zustand erreichte ich die Bahn. Traurig war ich gerade nicht und meine Kollegen sahen mich mit verwunderten Augen an, als ich mit meinem Rade zur Rennbahn wankte. Man glaubte mich erledigt nach der Entladung nach dem Mittagessen und Schilling machte seine faulen Witze. Mir war alles gleichgültig. 

 



Seligkeit

Ich stieg auf das Rad, ließ mich abschieben und fing an zu kurbeln. Mein Gegner im Vorlauf war Schilling. Der Holländer führte und begann bei der Glocke den Spurt. Ich weiß heute noch nicht, wie mir in diesem Endkampfe zumute war, ich weiß nur, dass mich ein Zustand größter Wurschtigkeit übermannte und in diesem Zustande legte ich mich ganz gemütlich auf den an der Innenkante kämpfenden Schilling. Im wahrsten Sinne des Wortes gingen wir Schulter an Schulter durch die Kurven. Schilling ließ sich nicht beirren, schüttelte mich ab und suchte zu entfliehen, aber in diesem Augenblick überkam mich eine Wut und ich trat in die Pedale auf Biegen und Brechen. Diesem Ansturm war Schilling nicht gewachsen und ich gewann den Vorlauf.

 

Der Sieg machte mir Mut. Meine Seligkeit war noch nicht geschwunden, als Endlauf gefahren wurde und ich fuhr wieder mit einer vorher nie gekannten Wut. Ich gewann nicht nur den Preis des Südens gegen Schilling, Ritzenthaler und Mayer, sondern auch das Vorgabefahren als Malmann gegen Henry Mayer, das Prämienfahren gegen Rudel und Schilling und mit Schilling zusammen als Malmann das Zweisitzer- Vorgabefahren gegen Mayer-Ritzenfelder, die uns im Zweisitzer- Hauptfahren geschlagen hatten. Diese Niederlage im Zweisitzerfahren war die einzige Niederlage an dem Tage, dem ich nach der Katastrophe am Mittag mit Bangen entgegen gesehen hatte.

 

Am Abend war ich natürlich noch lustiger, als ich während des Rennens gewesen war und mein für Rotwein anscheinend sehr empfänglicher Körper kam zu seinem Recht.  Ich habe noch oft von dem Straßburger Rennen erzählt und unter den vielen schönen Rennen, die ich in meiner langen Rennfahrerlaufbahn bestritten habe, nimmt der Preis des Südens  durch seine Begleitumstände einen besonderen Platz ein.

 

Willy Lorenz

 

>>> siehe auch das Portrait Willy Lorenz

 

Quelle: Sport-Album der Rad-Welt, 17. Jahrgang, 1919


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